Afrika – Sambia

22. Mai  – 18. Juni 2018

„Real Africa“…

…so bewirbt sich Sambia gerne selbst. Wir sind gespannt, wie sich das wasserreichste Land Afrikas uns präsentieren wird. Erwartungsvoll betreten wir Neuland…

 

Im Land der Lozi

Sumpf bis zum Horizont. Die Barotseflutebenen sind jetzt, kurz nach der Regenzeit, besonders eindrucksvoll in ihren Ausmaßen. Auf winzigen Hügelchen im weiten Nichts leben temporär Fischerfamilien in ärmsten Verhältnissen. Mit ihren Einbäumen aus ausgehölten Stämmen bewegen sie sich durch die riesigen Wasserflächen. Sie flechten Matten aus Schilf, fangen kleine Fische, transportieren sie auf die Märkte von Mongu und Senanga. Das Treiben dort ist authentisch, nahezu nichts hat sich verändert in den letzten Jahrzehnten. Ihr König ist der Regierung in Lusaka von jeher ein Dorn im Auge, pocht er doch vehement auf mehr Unabhängigkeit. Zur Strafe wird die Region immer noch wirtschaftlich benachteiligt. Doch die Menschen sind stolz und selbstbewusst, tragen ihr Dasein mit Würde.

 

Die Müllkinder von Mongu

Neben der Straße eine schwelende Müllkippe. Es stinkt erbärmlich, nach Verfaultem und kokelndem Plastik. Völlig verdeckte Kinder, sechs bis zehn Jahre alt, wühlen sich durch die Abfälle, auf der Suche nach Verwertbarem. Wir stoppen, werfen unseren Müllbeutel in die Kloake. Wie der Blitz rennen die Kinder darauf zu, zerfetzen die Tüte, balgen sich um unseren Abfall. Beklemmend…

„Real Africa…“

 

Der Wahnsinn auf der Fernstraße

Schmal ist das löchrige Teerband, kerzengerade führt es dicht entlang der ärmlichen Marktstände. Kinder und Radfahrer tummeln sich zwischen den dargebotenen Waren, Karren werden hin- und hergeschoben. Ein Dauerhupton kommt näher, mit ungebremsten 120 Sachen knallt ein Fernreisebus durch das Treiben. Wer nicht schnell genug Land gewinnt, wird zermalmt.

„Real Africa…“

 

Hoffnungsloser Schulbetrieb

Morgendämmerung. Aus jeder noch so kleinen, strohbedeckten Rundhütte quillt ein halbes Dutzend Kinder, der meist lange Schulweg wartet. Zwei Stunden später drängen sich bis zu 80 (!) Kinder in jedem Klassenraum, viele sitzen mangels Stühlen auf dem staubigen Betonboden. Bücher gibt es keine, nicht alle Kinder besitzen einen Bleistiftstummel. In der Regel sind bis zu vier Jahrgangsstufen zusammen gewürfelt, der Lehrer beschäftigt sie abwechselnd. Lernerfolg? Sehr mäßig…

„Unsere Regierung hat kein Interesse, uns zu unterstützen.“ Der Schuldirektor wirkt resigniert, seine drei Lehrer nicken. „Es gibt kein Unterrichtsmaterial, selbst die Schulgebäude müssen wir aus eigener Kraft gemeinsam mit den Dorfbewohnern bauen. Das dauert.“ Oft werden die Kinder in drei Schichten unterrichtet, zu viele Kinder, zu wenig Lehrer. Und deren Kompetenz ist sehr übersichtlich. „Immer wieder bieten sich ausländische NGO`s an, uns zu helfen. Aber das ist seitens der Regierung nicht erwünscht. Sie befürchten, vor allem vor Wahlen, dass unsere Kinder gegen die Regierenden beeinflusst werden.“ Die völlig überforderten Lehrer erkennen die Sinnlosigkeit ihres Tuns, nehmen es mit Gleichmut. „Nach Abschluss der siebenjährigen Grundschule können die meisten gerade Mal ein wenig Lesen und Schreiben. Und selbst diejenigen, die eine weiterführende Schule besuchen dürfen, falls die Eltern sich das leisten können, stehen danach ohne jegliche Perspektive da: Keine Jobs, kein Geld, keine Zukunft…

„Real Africa…“

 

Die Bangweulu Wetlands

Endlose Feuchtgebiete und Dauersümpfe, ein See dessen Fläche sich in der Regenzeit verdoppelt, zusammen etwa 25.000 qkm (!) groß. Diese eigentlich lebensfeindlichen Landschaftsformen sind ein einmaliges Naturparadies, die wenigen Fischervölker der Bisa, Batwa und Unga verlieren sich fast in den unendlichen Weiten. Nur in der Trockenzeit ist es bedingt möglich, auf grauenhaft schlechten Pisten  dorthin vorzudringen. Sonst bleibt nur der hölzerne Einbaum.

Das Leben der Menschen hier draußen ist entbehrungsreich. Und sie zerstören nach und nach ihre eigene Lebensbasis. Der See ist völlig überfischt, mit engmaschigen Moskitonetzen fangen sie auch  noch den kleinsten Fisch aus dem flachen Gewässer. Und die spärlich vorhandenen Ackerböden werden ohne Unterlass bewirtschaftet, bis sie nichts mehr hergeben. Sie begreifen nicht, dass sie der Natur eine Chance geben müssen, sich zu regenerieren. Ein Teufelskreis…

„Real Africa…“

 

Eine Augenklinik am Lake Mweru

Wir besuchen die St. John`s Mission in Kashikishi, das letzte vernünftig erreichbare Nest am Lake Mweru. Hospital, Schwesternschule, Kinderstation. Und eine Augenklinik mit Optikstudio. Vor allem für Conny ein interessantes Erlebnis. Rein äußerlich macht es einen richtig guten Eindruck. Vor allem die Blumenbeete sind top gepflegt…

Säuberlich aufgereiht stehen alle notwendigen Maschinen, die ein Optiker so braucht, in Reih und Glied auf einem Tisch. Alte Modelle, klar, aber funktionstüchtig. „Super, damit könnt ihr also Gläser schleifen und in die Gestelle einpassen.“  Die Zuständigen zucken mit den Schultern: „Aber wir haben keine Gläser und auch keine Gestelle…“

Der Augenarzt führt uns durch den Operationstrakt. Steril ist etwas ganz anderes, auch die Ausstattung ist sehr übersichtlich. In dem großen OP mit staubigem Fußboden steht verloren eine Liege samt OP-Lampe im Eck. „Aha, hier operiert ihr also.“ Der Arzt nickt: „Ja, gestern hatten wir noch eine Graue Star OP. Aber dann ist uns die Glühlampe von der OP-Beleuchtung durchgebrannt und wir haben keine Ersatzbirne…“

Sie zeigen uns ihre Kammer für Medikamente und Verbandsmaterial. Der Bestand ist lächerlich gering, falsch gelagert und größtenteils abgelaufen. „Warum ist denn fast nichts da?“ Peinliche Stille, dann: „ Naja, wir müssten bestellen, aber das funktioniert nur über Internet, und das haben wir hier nicht…“

„Real Africa…“

 

Lake Tanganjika

Schon irgendwie exotisch, hier zu sitzen, am See der Superlative. Es ist der längste See der Welt, würde genau zwischen Hamburg und München reinpassen. Und der Zweittiefste; fast 1.500 Meter weiter unten verläuft der afrikanische Grabenbruch, mit fast 700 Metern unter Null markiert er damit auch die tiefste Stelle des afrikanischen Kontinents. Was für eine gigantische, wassergefüllte Schlucht! Gewaltige Bergketten, bis zu 3.300 Meter hoch, umrahmen den glasklaren, tiefblauen See, der ein Sechstel der gesamten Süßwasserreserven der Welt speichert. Deshalb erlaubt die Geologie es nur an wenigen Stellen, die Ufer über Land zu erreichen. Die meisten Fischerdörfer sind nur mit dem Boot anzufahren. Entsprechend dünn ist die Besiedelung entlang der meist steilen Küste.

Ganz in der Nähe der Kalambo Falls, mit 215 Metern Fallhöhe die zweithöchsten Wasserfälle Afrikas, am südlichsten Ende also, finden wir ein traumhaftes Fleckchen. In der Nachbarbucht der quirligen Hafenstadt Mpulungu, Zentrum sambischer Fischerei, verstecken sich unter einem dichten Blätterdach ein paar kleine Rundhütten. Hier betreibt Celestine, eine immer fröhlich lachende Bemba, die Tanganjika Lodge. Alles sehr rudimentär und nicht leicht erreichbar, doch die Lage entschädigt für die etwas mühevolle Anfahrt.

Wir sitzen unter schattigen Blättern, genießen das muntere Treiben vor uns. Hölzerne Boote, vollbepackt mit Menschen und Gepäck, pendeln zwischen den Dörfern hin und her, Fischer versuchen ihr Glück, nutzen mit bauschigen Segeln den aufkommenden Wind. Jeden Tag versorgen sie uns mit schmackhaften Buntbarschen, der See ist trotz Überfischung noch fischreich.

Nach drei Tagen kennt man uns schon, ein jeder winkt zu uns herüber. Und es fällt uns wirklich schwer, diesen paradiesischen Platz irgendwann wieder verlassen zu müssen…

 

Fazit Sambia

„Wir sitzen auf unserem Land und machen nichts daraus, weil wir kein Geld haben“, jammert der Bauer. „Glaub mir, in drei Jahren sind wir wieder Almosenempfänger im Ausland, bei der Misswirtschaft unserer Regierung“, schimpft der Offizier. „Sieh Dir doch unsere schwarzen Farmer an, sie sind zu faul und unfähig, für ausreichend Nahrungsproduktion zu sorgen“, mokiert sich der pensionierte Handelsbevollmächtigte der ehemaligen Regierung. „Unsere Führer wollen unsere Schulen nicht unterstützen, sie fürchten um ihre Macht“, klärt der Schuldirektor auf. „Wir geben auf Regierungsebene viel zu viel unnützes Geld aus, anstatt dem Volk zu helfen“, erkennt der Wirtschaftsexperte aus der Kleinstadt.

Was für mutige Töne! Sie alle wagen sich weit aus dem Fenster in den Diskussionen mit uns. Doch sie sind frustriert: „Kritik ist unerwünscht. Schnell bist Du weg, verschwunden im Dickicht der gelenkten Justiz“.

Auch zu weitaus übergreifenden Situationen und Entwicklungen haben sie sehr interessante Meinungen: „Die Entlassung unserer Staaten in die Unabhängigkeit kam viel zu früh und vor allem vollkommen unvorbereitet. Wir hatten doch damals überhaupt keine Leute, die in der Lage waren, einen Staat selbstständig aufzubauen und zu führen“. Der Offizier erkennt ganz klar das Dilemma, auf dem sich viele Probleme Afrikas aufbauen. „Aids, das ist doch die logische Antwort der Natur auf die unkontrollierte Fortpflanzung in unseren Ländern. Wann begreifen wir endlich, dass wir uns nicht endlos vermehren dürfen!“ Unser Pensionist mit selbst über zwanzig gezeugten Kindern schüttelt resigniert den Kopf.

Wir sind erstaunt über die Weitsichtigkeit derer, die dank ihrer Ausbildung über den Tellerrand hinaus blicken. Sie alle haben längst genug von „real Africa“…

Sambia ist ein Staat, der rund achtzig(!) unterschiedliche Ethnien unter einen Hut bringen muss. Das ist praktisch unmöglich. Ein Glück für das Land ist es, dass sie alle sehr friedfertig und geduldig sind. Und leidensfähig. Sambia ist das wasserreichste Land Afrikas. Und trotzdem leiden viele Menschen Hunger. Sie sind nicht in der Lage, die natürlichen Ressourcen effizienter zu nutzen. Das kümmerliche Straßennetz zerfällt zusehends, es ist kein Geld mehr in der Kasse. Das Bildungssystem scheitert am Desinteresse der Regierenden, drei Lehrer für 240 Kinder, Schichtunterricht. In den Lodges der Nationalparks bezahlen gutsituierte Gäste mal eben 500 Euro für die Nacht, vor dem Tor betteln die Einheimischen um Arbeit, um ein paar Münzen zu verdienen.

Sambia ist das perfekte Land, um in wirklich ursprüngliches Afrika einzutauchen. Natürlich nur abseits der touristischen Routen und Parks. Aber dort, nahe der Grenzen zu Angola und dem Kongo, am Lake Tanganjika und seinen abgelegenen Dörfern, dort ist es immer noch so, wie es immer schon war. „Real Africa“ eben…

 

Holztransport auf dem Zambesi
Senanga - jegliche Art von Waren werden auf dem Morkoro transportiert
Personenfähre in Senanga
im Hafen von Mongu
Verkauf von Trockenfisch am Markt in Mongu
Hafeneinfahrt von Mongu, von Sumpflandschaft umgeben
Waren werden im Hafen entladen
Schulbesuch - gnadenlos überfüllte Klassenräume
bunter Markt am Straßenrand
Fischerkate in der Bengweulu Sumpfebene
Mokoro - das Transportmittel am Lake Bangweulu
typisches Bemba-Dorf
überall nette Menschen in Sambia
geschäftiges Treiben am Luapula River
Fahrräder sind am Land das häufigste Transportmittel
die Lumangwe Falls
die Lumangwe Falls im Abendlicht
Manni sitzt im Sumpf fest
tosende Wassermassen an den Kabweluma Falls
Markt im Hafen von Mpulungu
Fischerboote auf dem Lake Tanganjika
Traumplatz am Lake Tanganjika
fangfrischer Buntbarsch - lecker!
Sonnenuntergang über dem Lake Tanganjika

Afrika – Malawi

19. Juni – 01. August 2018

 

„The warm heart of Africa“…

Auch Malawi bewirbt sich mit einem Slogan, der Erwartungen weckt. Das kleine Land am gleichnamigen See ist ein beliebter Tummelplatz aller nur denkbaren internationalen Hilfsorganisationen. Wir sind gespannt, was dies für Auswirkungen auf die Menschen hat…

 

Wo fließen nur all unsere Gelder hin…?

Schon im Grenzort Chitipa fallen uns ganze Schilderwälder ins Auge, die auf die verschiedensten internationalen Hilfsorganisationen hinweisen. Eigentlich müsste bei solch intensivem Engagement das Land erblühen, die Wirtschaft boomen. Doch davon ist nichts zu spüren. Im Gegenteil, sehr schnell verfestigt sich bei uns der Eindruck, dass Malawi nochmal einen Ticken ärmer ist als seine Nachbarländer.

Doch wohin fließen denn dann all die Milliarden, die wir so großzügig von unseren Steuergeldern abzwacken? In vielen Gesprächen mit Einheimischen und hier arbeitenden Ausländern kristallisiert sich schnell heraus, dass die Politiker in Malawi wohl so ziemlich die korruptesten in ganz Afrika sind. Und die Verantwortlichen der Geberländer sonnen sich derweil im befriedigenden Gefühl, Gutes getan zu haben. Es ist also wieder mal wie immer…

 

Lake Malawi – Lebensader eines ganzen Landes?

„Wir könnten Bewässerungsanlagen entlang des Sees installieren, könnten uns so in der Landwirtschaft unabhängig machen von der Regenzeit. Und parallel dazu müssten wir Wasserkraftwerke bauen, die uns unabhängig machen in der Stromversorgung.“ Francis, ein junger, studierter Mann aus Nkhotakota, glüht fast vor Begeisterung, als er uns seine Zukunftspläne für sein Land darlegt. „Es kann doch nicht sein, dass wir unsere Menschen nicht satt bekommen, obwohl unser See etwa ein Drittel unseres Staates ausmacht. Und dass wir täglich mit Elektrizitätsproblemen kämpfen, weil der Strom stundenlang ausfällt.“ Natürlich hat er recht, denn das wirtschaftliche Potential, das dieser gigantische See diesem bettelarmen Land bietet, wird nach wir vor nicht genutzt. Lediglich Fischerei in einem Ausmaß, dass der See bereits unter Überfischung leidet und ein wenig Lodge-Tourismus, das ist alles…

Doch was für Möglichkeiten könnten sich für die Menschen in diesem kleinen Land bieten, wenn einheimische Politik und internationale Unterstützer endlich mal zu einer effizienten Partnerschaft zusammenfinden würden! „Wann begreifen unsere Machthaber endlich, dass nur ein komplettes Umdenken in unserer bisherigen Politik uns in eine bessere Zukunft führen wird?“ Der leitende Forstwirt aus Dedza bringt es auf den Punkt. „Wir zerstören unsere Ressourcen anstatt sie zukunftsorientiert zu nutzen. Unsere Wälder holzen wir ab, unseren See fischen wir leer. Vielleicht noch eine Generation, dann können wir uns nicht mehr selbst ernähren…“

 

Kinder „en masse“– Fluch oder Segen?

Der Geräuschpegel ist ohrenbetäubend, der Schulhof platzt aus alle Nähten. 2.500 Kinder aller Altersstufen drängen sich in der St. Anna School in Nkhotakota. Die Lehrerschaft hat längst schon kapituliert, hält nur noch notdürftig den Deckel auf dem brodelnden Topf drauf. „Lehren können wir dieser Masse Kinder schon lange nichts mehr“, klagt der Schulleiter. „Wir haben keine Bänke, keine Tische, von Büchern oder anderen Materialien ganz zu schweigen“.

Auf den Dörfern ist es ähnlich: „Give me, give me!“ Dutzende schmutziger Kinderhände strecken sich uns entgegen. Sie stacheln sich gegenseitig auf, die Stimmung fängt an zu kippen. „Give me money, give me food!“ Nein, es sind keine zaghaften Bitten, um die Not zu entschärfen, es ist aggressives Fordern. Die Erwachsenen sind mehr und mehr hilflos, die Meute lacht, ist sich ihrer Stärke durchaus bewusst. Wann fliegen wohl die ersten Steine?

„Wir müssen unsere Kinder besser fördern, unsere Jugend ist doch unsere Zukunft! Doch unser Staat hilft uns dabei nicht, hat kein Interesse.“ Immer wieder werden wir mit diesen Forderungen konfrontiert. Doch in einem Land, in dem zwei von drei Menschen jünger als achtzehn Jahre sind, ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen. Und auch die Eltern sind keine große Hilfe, sie überlassen ihre Kinderschar sich selbst, Erziehung ist ein Fremdwort geworden. „Sie zeigen keinen Respekt mehr vor den Älteren, werden immer unkontrollierbarer. Es sind halt Kinder…“ Hilfloses Schulterzucken bei den Erwachsenen um uns herum.

 

Ein Land wird abgeholzt…

Auf einen Baum kommen zehn abgehackte Stümpfe. Dazwischen Buschwerk. Erodierte Böden, unkontrollierte Wasserläufe fräsen immer tiefere Gräben in die Natur. Einstmals üppig grüne Urwälder versteppen zu unbrauchbaren Landstrichen. Das Geräusch hackender Äxte und schlagender Macheten ist nahezu überall im Land zu hören, der Raubbau ist erschreckend. Der Agraringenieur ist frustriert: „Die Menschen in den Dörfern verstehen es nicht, wenn wir ihnen das Holzschlagen verbieten. Es ist ihre Lebensgrundlage, das Holz wird zum Kochen, zum Bauen, zum Brennen von Holzkohle verwendet. Jeden Tag vernichten sie so ihre eigene Zukunft. Aber Alternativen werden nicht angenommen, es wird weiterhin illegal Holz geschlagen.“

Besonders auffällig ist das Abholzen auf dem Zomba-Plateau. Ganze Berghänge veröden, die Bäume werden an Ort und Stelle per Hand zu dicken Brettern verarbeitet. Jedes Brett bringt den beiden Sägern gerade mal fünfundzwanzig Eurocent! Und das anschließende Aufforsten reicht bei Weitem nicht aus, um den Kahlschlag auszugleichen.

Der gesamte Süden Malawis ist ein forstwirtschaftliches Schlachtfeld. Einst perfekt harmonierende Naturlandschaften sind der Feldwirtschaft geopfert, die letzten Waldinseln in Naturschutzparks zusammengepresst. Der Druck der Bevölkerung ist selbstzerstörerisch, die Überbevölkerung wird schon in wenigen Jahrzehnten das ganze Land aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Und dann?

 

Traumbucht Cape Maclear

Seit Jahrzehnten ist es der Inbegriff des entspannten Chillens – das Cape Maclear bei Monkey Bay. Aber auch viel Negatives wird berichtet – nervige „Beach Boys“, die einem ständig etwas verkaufen wollen, bettelnde Kinder, die jeden Spaziergang am Strand zum Spießrutenlauf werden lassen, Dreck und Müll allenthalben. So sind wir denn mit sehr gemischten Gefühlen dorthin unterwegs. Aber schon die Anfahrt durch das Naturschutzgebiet ist beeindruckend schön: durch dicht bewaldete Hügel, geschützt vor Kahlschlag, schlängelt sich das schmale Teerband bis zum Fischerdorf Chembe, hinter dem die blaue Fläche des Lake Malawi im Sonnenlicht glitzert.

Der erste Eindruck ist enttäuschend: der leichte Wind wirbelt den staubigen Boden auf, unzählige Plastiktüten flattern umher und fangen sich in brackigen Tümpeln, wo sich der Müll unkontrolliert sammelt. Vorsichtig rangieren wir „Manni“ durch die schmalen Gassen, bis wir auf den Hof der „Fat Monkey Campsite and Lodge“ rollen. Und schon sieht die Welt ganz anders aus! Unter mächtigen Mangobäumen, ganz vorne am Wasser, finden wir genug Platz für „Manni“. Was für ein Panorama öffnet sich uns hier! Glasklares Wasser am feinen Sandstrand, bewaldete Inseln in der Bucht, Berge am Horizont. Fischerboote dümpeln, die Menschen waschen ihren Hausrat, ihre Wäsche und sich selbst im See, Rauch steigt zwischen den Hütten auf, Fische trocknen in der Sonne. Niemand belästigt uns, wir kaufen fangfrischen Fisch direkt ab Boot, grillen am Strand und kriegen uns kaum ein ob der legendär schönen Sonnenuntergänge.

Drei Tage bleiben wir hier, bringen unseren Hausstand mal wieder auf Vordermann und genießen diese idyllische Symbiose zwischen lokalem Leben und touristischem Ambiente.

 

Warum ist alles so vermüllt?

Nkopola heißt das Nest, der Strand vor dem Dorf ist wie überall ein Sammelsurium aus herumflatternden Plastiktüten, weggeworfenen Glasflaschen, zerrissenen Jutesäcken, verfaultem Altholz; alles, was der Mensch halt nicht mehr braucht. Wir sitzen gemütlich unter schattigen Fieberbäumen und genießen den in der Sonne glitzernden See.

„Also wenn Ihr unsere Location nutzt, dann müsst Ihr dafür auch etwas bezahlen. Wir machen hier ja auch immer sauber…“ Die beiden Gestalten vor uns versuchen mal wieder, Geld von „Mzungus“, wie unsereins mit der blassen Hautfarbe hier genannt wird, zu ergattern. „Das hier nennt Ihr sauber?“ Conny ist sofort bereit für eine Grundsatzdiskussion. „Ja, für malawische Verhältnisse ist das hier sauber.“ Mag ja sein, aber sauber ist trotzdem etwas anderes. „Mögt Ihr es denn, so zwischen all dem Unrat zu leben?“ kontert Conny mit leicht provokantem Unterton. „Nein, natürlich nicht, aber wir haben keine Zeit, um immer sauber zu machen. Wir müssen den ganzen Tag arbeiten, um unser Essen zu verdienen.“ Wir blicken uns um, die Menge der entspannt unter den umliegenden Bäumen Lungernden macht nicht gerade einen gestressten Eindruck. „Okay, aber warum werft Ihr dann das ganze Zeugs erstmal hierher? Es wäre doch der erste Schritt zu einem sauberen Strand, wenn Ihr den Müll ordentlich entsorgt, dann müsstet Ihr nicht darüber nachdenken, den Strand sauber machen zu müssen, oder?“  Die beiden Helden mutieren zu riesigen Fragezeichen, spüren, dass die von ihnen angezettelte Diskussion in eine völlig falsche Richtung für sie abdriftet. Mit einem verlegenen Grinsen im Gesicht verabschieden sie sich von uns, von Geld für das Verweilen ist natürlich keine Rede mehr.

Afrika vermüllt immer mehr. Die Menschen haben noch kein Verständnis dafür entwickelt, dass es an ihnen selbst liegt, etwas zu verändern. Und wenn Du Hunger hast, kümmert Dich die Umwelt nicht wirklich. Aber wir meckern nicht darüber, es ist ja noch nicht allzu lange her, da sah es bei uns in Mitteleuropa ganz ähnlich aus…

 

Gourmetfreuden – oder einfach nur Hunger?

Immer wieder werden uns Speisen angeboten, denen wir doch recht skeptisch gegenüber stehen. Auf den Märkten locken Schüsseln mit den kleinen, gerupften Körpern gebratener Singvögelchen, wie Minihühnchen liegen sie da. Knackig geröstete Heuschrecken mit Zwiebelstückchen als Snack für zwischendurch erweisen sich als gar nicht so übel, doch die überall am Straßenrand offerierten, gegrillten Mäusekebabs sind dann doch nicht so nach unserem Gusto.

Die Menschen leiden mehrheitlich Hunger, die Felder geben nicht genug her für alle. Und so wird Jagd auf alles gemacht, das Reis und Maisbrei verfeinern könnte. Obst und Gemüse leisten sich die Wenigsten, die Monatseinkommen von lediglich bis zu achtzig Euro lassen einen ausgiebigeren Speiseplan für die vielköpfige Familie nicht zu. Dazu kommt, dass kaum jemand mangels Job überhaupt ein Einkommen hat.

„Wir versuchen unser Bestes, doch die Menschen begreifen nicht, dass sie einfach zu viele Kinder in die Welt setzen, um sie satt zu bekommen.“ Der katholische Pfarrer von Bwanaisa widerspricht ganz klar den katholischen Gepflogenheiten. „Wir hoffen einfach, dass irgendwann alles besser wird.“ Er stutzt, hebt resignierend die Schultern: „ Aber ich glaube eigentlich selbst nicht daran…“

 

Kinderarbeit unter den Augen der Entwicklungshilfe

Wir sind auf dem Zomba-Plateau unterwegs, gut 1.500 Meter hoch. Es nieselt so vor sich hin, die Temperatur erreicht gerade mal zwölf Grad. Im angenehm warmen Tagungshotel laben sich die Mitglieder verschiedener Hilfsorganisationen zur Unterstützung der malawischen Bevölkerung am reichhaltigen Mittagsbuffet. Draußen auf dem Parkplatz versuchen hungrige Männer, gesammelte Beeren an uns zu verkaufen. Wir kommen ins Gespräch und sie schimpfen auf die unzähligen Tagungsmitglieder, die sich hier die Bäuche auf Staatskosten vollschlagen und dabei diskutieren, wie man denn den Armen da draußen helfen könnte.

Ein paar Meter weiter treffen wir auf eine Gruppe Frauen und halbwüchsiger Mädchen, so zwischen zehn und vierzehn Jahren alt. Eine jede von ihnen balanciert auf dem Kopf ein drei Meter langes, je nach Alter bis zu fünfzig Kilogramm schweres Bündel Holz. Barfuß tippeln sie durch den kalten Matsch, 800 Höhenmeter hinunter ins etwa zwölf Kilometer entfernte Zomba stehen ihnen bevor. Allein das Ausrichten der Last auf dem Kopf ist eine Tortur für sich. Conny versucht sich, schafft es kaum, das Bündel mittig auf den Kopf zu hieven, von einem Lauf ins Tal ganz zu schweigen. Der Lohn für diese unmenschliche Schinderei? In Zomba bekommen sie umgerechnet achtzig Eurocent(!) Tageslohn dafür! Unfassbar!

Nasskalte Gischt aufwirbelnd, fahren die Tagungsmitglieder mit zufriedenen Gesichtern wenig später schnell an den von der grausam schweren Last schwankenden Mädchen vorbei. Hauptsache, sie haben bei ihrem Meeting erkannt und mal wieder darüber diskutiert, dass man die Lebensbedingungen dieser Kinder verbessern muss…

Nein, wir regen uns nicht auf über die harten Lebensbedingungen der Kinder hier in Malawi. Das Überleben in Afrika war schon immer hart und brutal, oft grausam. Überleben wird letztlich nur derjenige, der genug Kraft dazu hat. Das war schon immer so und wird auch in Zukunft so sein. Aber wir sind wütend auf die Selbstherrlichkeit derer, die sich auf Staatskosten und auch auf Kosten unserer Steuerleistungen bereichern und sich ein schönes Leben machen, ohne im Entferntesten den Ansprüchen gerecht zu werden, die sie als Banner weithin sichtbar vor sich her tragen. Dies betrifft sowohl die schwarzen Helfershelfer der hiesigen Regierungen als auch die im Entwicklungsdienst tätigen, weißen Mitarbeiter unserer Hilfsorganisationen. Wann erkennt unsere westliche Welt denn endlich, dass unsere Gelder nie denen zugutekommen, die sie bitter nötig haben, sondern immer nur denen, die sich am geschicktesten verkaufen…?

 

Fazit Malawi

Sechs Wochen reisten wir in diesem kleinen Land buchstäblich von Dorf zu Dorf, nahmen uns viel Zeit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Malawis sind sehr angenehme Menschen, immer freundlich und zurückhaltend, aber auch sehr schnell offen für kritische Diskussionen. Dabei kommen die alltäglichen Probleme immer rasch auf den Punkt: Korruption, Vetternwirtschaft, Bevölkerungsexplosion. Die internationale Entwicklungshilfe hat Malawi zu einem ihrer bevorzugten Wirkungsstätten erkoren. Klar, es lebt sich hier ja auch wirklich angenehm. Und so werden hier Millionen ausgegeben, ohne sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen, was es denn letztlich bewirkt. Oder warum ist Malawi bis heute eines der ärmsten Länder der Welt geblieben? Trotz eines riesigen Sees, trotz fruchtbarem Boden und trotz der vielen Millionen aus den Geberländern.

Wir haben ja schon viele Schulen in vielen afrikanischen Ländern besucht, uns mit der Bildungsmisere auseinandergesetzt. Doch die Zustände hier in Malawi übertreffen dies alles nochmal. Trotz hehrer Vorsätze unserer Ministerien. Trotz tausender junger und williger Volontäre aus dem Westen, die auch noch dafür bezahlen, dass sie hier arbeiten dürfen. Jeder Afrikaner lacht sich hierüber fast tot. In den Dorfschulen sitzen meist über hundert Kinder in den Klassenzimmern auf dem nackten Betonboden, scharen sich im Schatten der Mangobäume im Staub, teilen sich die wenigen, schlecht ausgebildeten Lehrer. Von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe kommen weniger zur Schule, die Kinder werden zuhause gebraucht oder haben einfach keine Lust mehr. Ergebnis dieser Bildungssituation: Ein Heer ungebildeter, bar jeder Zukunftschance herumlungernder Kinder und Jugendlicher. Armut und Hunger wird sich schon in der nächsten Generation verdoppeln!

Reisen in Malawi ist wirklich sehr entspannt. Keine nervenden Straßenkontrollen, immer und überall ein herzliches Willkommen. Der Wechsel zwischen saftig grünem Hochgebirge und dem grandiosen See, zwischen Savanne mit unzähligen Baobabs und einfachen Dörfern mit so typisch afrikanischem Klischee ist abwechslungsreich und spannend. Kein Kilometerfressen ist dazu nötig, das Land ist angenehm klein und überschaubar. Und die Sonnenuntergänge am Lake Malawi sind einfach legendär…

Seit langem mal wieder mussten wir uns ab und zu für eine Übernachtung auf einem der meist schön gelegenen Campingplätze entscheiden. Grund dafür war die meist zur Belästigung ausufernde Belagerung ganzer Kinderhorden, die nicht einfach nur neugierig herumstehen, sondern sich gegenseitig anstachelnd mit lautem Geschrei und unverhohlener Forderung nach Geld und Essen ohne Respekt und Rücksichtnahme nerven. Selbst die Erwachsenen können dem meist nicht Einhalt gebieten.

Doch wir haben jeden Tag hier genossen. Die lauen Abende am See, der durch seine Größe eher an das Meer erinnert, die kühlen Tage in den Bergen, deren üppige Natur uns immer wieder zu Wanderungen animierte. Und natürlich die farbenprächtigen, chaotischen, staubigen, geruchsintensiven, fröhlichen Märkte, auf denen das tägliche Einkaufen immer wieder zum Eintauchen in das pralle afrikanische Leben führt. Wie blutleer ist dagegen ein moderner Supermarkt…

Malawi hat sich ganz leise in unsere afrikanischen „Top Ten“ geschlichen, mit viel Herzlichkeit liebenswerter Menschen und einer abwechslungsreichen Natur, die begeistert. Hierher kommen wir gerne wieder mal zurück…

 

Lebensverhältnisse in den Mafinga Mountains
tolle Bergkulisse in den Mafinga Mountains
holprige Bergpisten im Nordwesten Malawis
Feldwirtschaft bis zum Berggipfel
Ausblick zum Lake Malawi
katastophale Bedingungen in den Schulen Malawis
Unterricht im Freien, mangels ausreichender Klassenräume
Bretter werden mühevoll mit der Handsäge geschnitten
schwere Kopflasten werden von den Mädchen aufgeladen
zwölf Kilometer Fussmarsch steht ihnen bevor
bis zu 300 kg Holz werden auf dem Fahrrad ins Tal geschoben
die Lasten der Männer sind noch schwerer
Traumbucht Cape Maclear
herrliche Abendstimmung am Cape Maclear
Sonnenuntergänge
stimmungsvolles Leben am See
Fischerboote am Malawisee
Hügellandschaft in den Dedza Mountains
Bergsee auf dem Zomba Plateau
Wolkenstimmung am höchsten Punkt des Zomba Plateaus
Lecker! Geröstete Heuschrecke als Snack
Mäusekebab - wir verzichten...
Fischmärkte mit überwiegend Trockenfisch
Freiluftschneiderei auf dem Markt
der Schuhmacher bringt Conny´s alte Vellies auf Vordermann
afrikanische Metzgerei
Chamäleon mit Horn
Das Mulanje Bergmassiv ist 3000 Meter hoch
schöner Wasserfall mit Badegumpen
alpine Landschaften im Süden Malawis

Afrika – Tansania

01. August – 30. August 2018

„The Top of Africa”

Der höchste Berg, der berühmteste Krater, der bekannteste Nationalpark, die beliebteste Insel, die reichhaltigste Tierwelt: Tansania lockt mit Superlativen, die kein anderes Land auf dem Kontinent zu bieten hat. Doch so viel Berühmtes hat auch seinen Preis: Die Geldbörse sollte prall gefüllt sein und man muss es mögen, gemeinsam mit hunderten von Touristen durchgeschleust zu werden. Aber Tansania hat viel mehr zu bieten…

 

Deutsche Geschichte

Kolonialmacht zu sein, war lange Zeit nicht im Sinne deutscher Politik. Erst im Jahre 1884 kam das Deutsche Kaiserreich auf den Geschmack, um im Wettstreit mit vor allem England nicht als Zweitklassig zu gelten. Mit oft grausamen Machtmethoden wurden die Völker der Region unterworfen, die Menschen zu Arbeitsdiensten verpflichtet. Deutsch-Ostafrika entwickelte sich nun innerhalb weniger Jahre zur einzigen profitablen Kolonie in der deutschen Geschichte. Doch schon während des ersten Weltkrieges war es vorbei mit den deutschen Überseebesitzungen, und viele junge Soldaten ließen ihr Leben im Kampf gegen Tropenkrankheiten und kriegerischen Auseinandersetzungen in lokalen Rebellionen und Kämpfen gegen die englischen Truppen.

Heute, nach 100 Jahren englischem Protektorat, tansanischer Unabhängigkeit und klimatischen Widrigkeiten tropischer Breiten ist nicht mehr viel übrig von der kaiserlichen Herrlichkeit. Nur wenig Bausubstanz wurde in den letzten Jahren renoviert, das Meiste ist nicht mehr zu retten. Nur die gut erhaltenen Klöster und Kirchen zeugen von auch heute noch engagierter Missionsarbeit, und auch so manche erfolgreich arbeitende Farm in deutscher Hand unterstützt die lokale Landwirtschaft.

 

Isimilia-Valley

Vor rund 60.000 Jahren gab es hier einen kleinen See, an dem Menschen lebten und jagten. Erosion, ausgelöst durch die jährlich wiederkehrenden Regenfälle, spülte im Lauf der kommenden Jahrtausende ein ganzes Tal aus und legte Unmengen von Steinwerkzeugen und Knochen erlegter Tiere frei.

Für das Wasser war es ein Leichtes, den wenig widerstandsfähigen Sandstein auszuspülen und zu  skurrilen Formen zu gestalten. Heute staunen wir über dieses Wunderwerk der Natur, wenn wir durch dieses Schluchtensystem wandern. Bis zu fünfzehn Meter hohe, schlanke Säulen ragen aus dem Talboden empor, die Wände sind von unzähligen Wasserrinnen und Höhlen durchsetzt. Immer wieder entdecken wir neue, interessante Formationen, die sich im Nachmittagslicht zu verändern scheinen.

Die jährliche Regenzeit arbeitet weiter. An den äußeren Abbruchkanten der Schucht erkennen wir die Entstehung neuer Sandsteinsäulen, und eines Tages werden die jetzt bestehenden in sich zusammenfallen. So gestaltet die Natur dieses faszinierende Tal immer wieder um.

 

Usambara-Berge

Wie ein unbezwingbares Bollwerk ragen die steilen Felswände der Usambara-Berge hinaus in die flache Ebene der spröden Massaisteppe. Bis zu 1.500 Meter hoch ist diese Abbruchkante, hinter der sich in üppig tropischer Natur eine reichhaltige endemische Flora und Fauna entwickeln konnte. Mit rund 135 Millionen Jahren ist es eines der ältesten Gebirge der Welt.

Auch die hier siedelnden Menschen der Galla und heute der Shambaa erkannten die Fruchtbarkeit der Böden und fingen an, immer mehr dieser herrlichen Urwälder abzuholzen, um die Berge urbar zu machen. Deutsche Missionare und Farmer ließen sich nieder, Orte wie Wilhelmstal oder Hohenfriedeberg zeugen von dieser Entwicklung.

Heute steht dieses biologische Kleinod vor der endgültigen Vernichtung. Die exorbitant ansteigende Bevölkerungsdichte lässt kaum einen Quadratmeter Raum mehr übrig für die letzten noch existierenden Bergregenwälder samt ihrer vielen endemischen Tierarten und Pflanzen. Exzessiver Ackerbau zerstört ganze Hänge, die nach heftigen Regenfällen abrutschen, die Verschmutzung der Gewässer durch zehntausende Menschen bringt das gesamte ökologische Gleichgewicht durcheinander.

Zaghafte Versuche der Aufforstung werden durch illegale Abholzung sofort wieder zunichte gemacht. „Wir versuchen schon lange, die notwendige Aufklärung zu leisten. Aber die Menschen begreifen  nicht, dass sie ihren eigenen Lebensraum durch ihr Handeln letztlich zerstören. Sie verstehen nicht, dass sie ihr Verhalten ändern müssen.“ Mitarbeiter staatlicher Organisationen zur Rettung der Usambara-Region zucken frustriert mit den Schultern. Und so wird wohl ein weiteres Kleinod der Natur, geschaffen in über 100 Millionen Jahren, binnen weniger Generationen Menschheitsgeschichte unwiederbringlich zerstört werden.

Ach ja, die wohl jedem bekannten Usambara-Veilchen haben wir leider nicht gesichtet…

 

Kilimanjaro

Als erste Forschungsreisende vor 150 Jahren den gigantischen, schneebedeckten Riesen zu Gesicht bekamen, glaubte man ihnen zuhause in Europa kein Wort. „Schnee in Afrika, so ein Unsinn“, war die landläufige Meinung. Erst als Hans Meyer und Ludwig von Purtscheller 1889 auf dem höchsten Berg Afrikas standen, war die Fachwelt überzeugt.

Im Schatten des alles überragenden Giganten gediehen schon immer Früchte und Gemüse im Überfluss, die das Volk der Chagga wohlhabend machten, währen oben in fast 6.000 Metern Höhe lebensfeindliche, arktische Verhältnisse herrschen. Dazwischen begeistern die unterschiedlichsten Vegetationszonen, die Afrika zu bieten hat. Leider taut der Restgletscher am südlichen Kraterrand immer mehr ab, schon in wenigen Jahrzehnten wir er gänzlich verschwunden sein. Trotzdem, mit seiner wuchtigen Masse bestimmt er weithin sichtbar den Horizont und prägt die gesamte Landschaft.

Heute gilt es als schick, den höchsten Punkt Afrikas erklommen zu haben. Und so machen sich jährlich tausende von Bergsteigern und Spaziergängern auf, den technisch unschwierigen Vulkankegel zu bezwingen. Dieser Massenansturm hat zur Folge, dass eine Besteigung nicht mehr unter 2.000 Euro zu haben ist. Eine willkommene Einnahmequelle für das Land und die Region, die spürbar wohlhabender wirkt als der Rest des Landes.

 

Fazit Tansania

Ganz klar, ein echtes Wohlfühlland! Das Reisen ist super entspannt, du fühlst dich jederzeit als willkommener Gast. Die Menschen sind durchweg freundlich und hilfsbereit, das freie Übernachten in der Natur war nie ein Problem. Die vielen Polizeikontrollen dienen allein der Verkehrssicherheit, mit ausländischer Nummer wurden wir ausnahmslos durchgewunken. Das Einkaufen auf den Märkten ist billig, die Angebote reichhaltig und bunt, allerdings ist Handeln angesagt, das geben die Anbieter sogar zu. Die gut funktionierende Landwirtschaft ernährt das Land weitgehend, es werden inzwischen auch Überproduktionen exportiert. Die lästige Bettelei der Nachbarländer fehlt hier meist, es scheint, die Menschen sind stolzer und würdevoller, aber auch oft fleißiger. Und die internationale Entwicklungshilfe ist deutlich dezenter unterwegs, eine sehr positive Entwicklung für die tansanische Gesellschaft mit ihren über 100 verschiedenen Ethnien.

Seit drei Jahren hat Tansania einen neu gewählten Präsidenten. Und der räumt mit harter Hand auf. Er sagte der Korruption den Kampf an mit dem Ergebnis, dass vor allem auf den unteren Ebenen plötzlich die Polizei korrekt handelt, die Behörden Vorgänge ohne den versteckten Geldschein bearbeiten und Computerprogramme die Staatseinnahmen kontrollieren. In den oberen Beamtenhierarchien ist dies alles jedoch noch nicht wirklich angekommen, hier werden die Pfründe nach wie vor eisern verteidigt. Der Schulbesuch ist nun kostenlos. Ändert allerdings nichts an der Misere fehlender und schlecht ausgebildeter Lehrkräfte. Aber immerhin. Die ganze Sache hat jedoch auch eine Kehrseite: die Opposition wurde mit harter Hand eliminiert, mehrere ominöse Todesfälle in deren Reihen lassen einen nachdenklich werden.

Tansania ist ein großflächiges Land, etwa dreimal so groß wie Deutschland. Die Landschaftsformen wechseln täglich, oft sogar stündlich. Fuhren wir eben noch durch tropischen Urwald, bestimmen nun Steppe und Savanne das Bild. Öde Weideflächen wechseln mit schroffen Hochgebirgen, Wasserreichtum versickert anderswo im ariden Staub. Der Indische Ozean beeinflusst das Wetter ebenso wie die höchsten Berge Afrikas. Und es ist ein Land, in dem die beiden großen Religionen, Christentum und Islam, friedlich nebeneinander auskommen. Kirche steht neben Moschee, Kinder gehen gemeinsam in die Schule. Hoffen wir für die Menschen, dass es so bleibt...

Die absoluten Hotspots aber, das sind die eingangs erwähnten Ziele. Sie üben eine unglaubliche Anziehungskraft aus, locken jährlich Millionen Besucher ins Land, Tendenz steigend, wie auch die Preise. Wer als Bergsteiger die Einmaligkeit der Besteigung von Mout Meru und Kilimanjaro anstrebt, wer die Faszination der Serengeti und des Ngorongoro-Kraters erleben will, wer die aride Region der Massai um den Lake Natron und den Vulkan Oldoinyo Legai auf sich wirken lassen möchte und nach dem Besuch weiterer, eindrucksvoller Nationalparks schließlich auf der arabisch geprägten Gewürzinsel Sansibar sich in Nobelresorts verwöhnen lassen will, der legt hierfür in Summe locker 7.000 Euro pro Person auf den Tresen. Entspricht ungefähr unserem Jahresreisebudget und fiel deshalb dem Rotstift zum Opfer…

Trotzdem, oder vielleicht genau deshalb haben wir unsere Zeit in Tansania sehr genossen. Denn abseits der ausgetretenen Touristenwege findet man noch das ursprünglich afrikanische Tansania. Und genau dort fühlen wir uns deutlich wohler als im von „Azungu“ (Weißen) wimmelnden touristischen Teil…

 

Lake Nyasa - Blick in die Livingstone Mountains
alte Holzbrücke im Rungwe Tal
Abendstimmung am Lake Nzivi
markante Sandsteinsäulen vom Wasser wundervoll geformt
Wasser als Architekt der Natur
Sandsteinsäulen in der ismilia Schlucht
blühende Wüstenrose mit winterlich kahlen Baobabs
viel Wild im Mikumi Nationalpark
Elefant im Mikumi NP
schön renoviertes deutsches Haus in Iringa
Gedenktafel für gefallene deutsche Soldaten in Tanga
Uhrenturm von 1901 in Tanga
Abendlicht über dem World View Point in Mambo
mühevolles Aufforsten in den Usambara Bergen
enge Dorfdurchfahrten in den Usambara Bergen
der Kilimanjaro - höchster Berg Afrikas
typisches Straßenbild in den tansanischen Dörfern
bunte Märkte im ganzen Land

Afrika – Ruanda

31. August – 15. September 2018

Ruanda – Vorzeigeland Afrikas?

Die Schweiz Afrikas, so wird das kleine Land am Lake Kivu oft genannt. Was steckt da wohl dahinter? Und wie haben die Menschen den grauenvollen Genozid aus dem Jahr 1994 verarbeitet? Ist es wirklich eines der saubersten Länder der Welt? Oder ist alles nur ein weiteres afrikanisches Märchen?

 

Völkermord

Wir schreiben den 6. April 1994. Die Maschine des ruandischen Präsidenten Habyarimana wird beim Anflug auf Kigali von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Diese kam, Jahre später nachgewiesen, aus dem Camp der Präsidentengarde, bewacht von der ruandischen Armee und französischen Soldaten. Das war der Startschuss zu einem schon lange heimlich und perfekt vorbereiteten Massaker, das seinesgleichen in der Geschichte der Menschheit sucht. Innerhalb von nur drei Monaten wurden eine Million(!) Tutsis und sympathisierende Hutus auf grauenvolle Weise massakriert. Oft zusammengetrieben in Kirchen und Schulen wurden dort hauptsächlich Frauen und Kindern mit Macheten die Schädel gespalten, Babys an die Wände geschleudert. Die Opfer wurden mit Gewehrkolben erschlagen und oft bei lebendigem Leib verbrannt. In den blutrot gefärbten Flüssen trieben zehntausende Leichen, über die Straßen legte sich der bestialische Gestank verwesender Körper.

Als die Weltgemeinschaft endlich reagierte, waren zudem drei Millionen Ruander auf der Flucht, das Land versank in Anarchie und Chaos. Nur sehr langsam erwachten die Menschen aus der paralysierenden Starre. Bis heute nagen diese drei Monate an der Psyche des gesamten Volkes. Die Ethnie der Tutsis wurde zu einem großen Teil ausgelöscht, mit ihr nahezu die gesamte Elite der Gesellschaft. Einundzwanzig Jahre tagte im tansanischen Arusha der Internationale Gerichtshof, um die Schuldigen zu verurteilen. Dies kostete ein Millionenvermögen und die Zahl der Verurteilten ist verschwindend gering. Die Angehörigen der Opfer werden dagegen mit einer monatlichen Rente von umgerechnet sieben(!) Euro abgespeist…

 

Genozid Memorial Sites

Im ganzen Land mahnen Gedenkstätten der Opfer des Genozid von 1994. Am eindrucksvollsten werden die damaligen Geschehnisse in Murambi dargestellt. 50.000 Menschen wurden im April `94 in dieser Region bestialisch ermordet und in schnell ausgehobenen Massengräbern verscharrt.

Als das Grauen sein Ende fand, exhumierte man die Opfer, um sie zu identifizieren und angemessen zu bestatten. Bis heute werden die Gebeine und Schädel der Erschlagenen professionell gereinigt und in der neuen Grabstätte beerdigt.

Das kleine Museum veranschaulicht auf informativen Tafeln die Geschichte Ruandas und die Geschehnisse, die letztlich zum vernichtenden Genozid führten. Originaldokumente und Aussagen von Zeitzeugen beweisen den Hergang, benennen die Schuldigen. Besonders nachdenklich macht dabei die nie ganz aufgeklärte Rolle Frankreichs, deren in Ruanda stationierte Armee die für die Massaker Verantwortlichen trainierte und unterstützte.

„Ich habe Angst, dass sich alles wiederholt“, gesteht uns die junge Dame, die für die Gedenkstätte verantwortlich ist. „Wenn unser Präsident Kagame in ein paar Jahren nicht mehr zur Verfügung steht, dann weiß niemand, ob der brüchige Friede zwischen Hutus und Tutsis hält. Zuviel Grausames, zu viel nicht Geklärtes lastet auf uns allen. Und dann genügt ein kleiner Funke, um einen erneuten Flächenbrand zu entzünden.“

Agitatoren hätten leichtes Spiel mit der ungebildeten Mehrheit des Volkes. Die Gefahr des Aufwiegelns liegt schwer auf den Schultern der Verantwortlichen. Und es bleibt zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft dann nicht wegsieht wie damals im Frühjahr 1994…

 

Lake Kivu

Fjordlandschaften und Inselwelten wie in Norwegen, grüne Hänge und Berge wie am Vierwaldstätter See, sauberes Wasser und attraktive Strände wie bei uns zuhause – der Lake Kivu ist ein wirkliches Kleinod. Zu Recht gilt die Aussage, es sei der landschaftlich schönste See des zentralafrikanischen Grabenbruchs. Die Städte Gisenyi und Kibuye haben sich von den grausamen Morden des Genozids weitgehend erholt, der Tourismus hat langsam wieder Fuß gefasst. Schnucklige Hotelanlagen, architektonisch angenehm ins Landschaftsbild eingefügt, teilen sich die bewaldeten Ufer mit den Villen reich gewordenen Ruander und Kongolesen. Seit vor ein paar Jahren die neue Asphaltstraße den See auf ruandischer Seite erschlossen hat, ist der Freizeitboom nicht aufzuhalten.

Ganz anders dagegen die Situation auf der kongolesischen Seite: Chaos und Unsicherheit, Dreck und Flüchtlingslager, rivalisierende Banden und geldgierige Warlords. Kein Pflaster für unsereins…

Sitzt man entspannt auf der Aussichtsterrasse eines netten Hotels oder unter schattigen Bäumen auf einer der unzähligen Inselchen vor der Küste, dann ist kaum vorstellbar, welch unterschiedliche Welten hier aufeinanderprallen. Und dabei vergisst man schnell, dass man sich im schwer kontrollierbaren Zentralafrika befindet.

 

Virunga-Vulkane

Zwischen dem Nordufer des Lake Kivu und dem Südwesten Ugandas bilden die bis zu ihren meist wolkenverhangenen Gipfeln aufgereihten Vulkane ein beeindruckendes Panorama.

Mit Sonnenaufgang sind wir draußen. Die Präsenz der Virunga-Vulkane, wolkenlos und zum Greifen nahe, erschlägt uns fast. Wir setzen uns auf einen kleinen Hügel, schräg unter uns der Lake Bulera im morgendlichen leichten Nebel, vor uns die Phalanx der sechs bewaldeten Vulkane. Direkt vor uns der markante, 4.127 Meter hohe Muhabura, gekrönt von einem eigenwilligen Häubchen. Daran anschließend Mgahinga, Sabinyo, Bisoke mit dem dahinter versteckten Mikeno. Den Abschluss der Kette bildet der 4.507 Meter hohe Karisimbi.

Hier, im Schatten dieser längst erloschenen Kraterberge, war auch die Wirkungsstätte von Dian Fossey, der bekannten, aber auch umstrittenen Primatologin und Gorillaforscherin, die 1985 in ihrer kleinen Forschungsstation brutal ermordet wurde. Ohne ihre aufopfernde, aber auch selbstzerstörende Arbeit mit den letzten Bergorillas dieser Welt, wäre heute in dieser Bergregion sicher kein Einziger dieser faszinierenden Primaten noch am Leben. Ihre Forschungen sensibilisierten die Welt, und es wurde verhindert, dass marodierende Soldaten und landsuchende Bauern diese tollen Geschöpfe ausrotteten.

Heute schützt ein Nationalpark diese Urlandschaften vor dem extrem starken Bevölkerungsdruck und der Wilderei, und es bleibt zu hoffen, dass diese außergewöhnliche Natur erhalten bleibt. Der Besuch ist stark reglementiert und exorbitant teuer. So bleibt uns leider nur der Blick von außen…

 

Fazit Ruanda

Nun, wir tun uns ein wenig schwer mit diesem Musterland Afrikas. Sicher, alles hier macht, oberflächlich gesehen, einen gut organisierten Eindruck. Die Städte und Dörfer sind wirklich extrem sauber für afrikanische Verhältnisse, ganze Heerscharen von Putzkolonnen sorgen für ein aufgeräumtes Erscheinungsbild. Plastiktüten sind seit Jahren verboten, da könnte sich so manch europäisches Land eine Scheibe abschneiden. Das Flaschenpfand ist höher, als das Getränk kostet und die Strafen für illegale Müllentsorgungen sind abschreckend hoch. Überall im Land entstehen Siedlungen mit ordentlichen Häusern, um die Menschenmassen unterzubringen. Die Fernstraßen sind in einem bemerkenswert guten Zustand, die Versorgungsmöglichkeiten sind flächendeckend. Schulen und Krankenhäuser zeugen von den Bemühungen der Regierung, das Bildungswesen und die ärztliche Versorgung zu verbessern. Das Wirtschaftswachstum ist hoch, die Investitionsfreudigkeit ausländischer Unternehmen sehr ausgeprägt. Der Weg scheint der Richtige zu sein.

Blickt man allerdings hinter die Kulissen, spricht man mit Ruandern, deren Bildungsstand und Weitblick über den berühmten Tellerrand hinaus geht, dann sieht die kleine, heile Welt schnell anders aus. Ruanda hat die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte ganz Afrikas. Das Land ist ein einziger Siedlungsbrei, jede noch so steile Fläche wird landwirtschaftlich genutzt und fleißig bestellt. Trotzdem reicht die eigene Produktion bei weitem nicht aus, die unfassbare Masse Mensch zu ernähren. Mindestens 30% der benötigten Nahrungsmittel müssen importiert werden, Tendenz steigend. Der gesamte Staatshaushalt ist ohne ausländische Unterstützung nicht haltbar, nahezu die Hälfte aller Finanzmittel kommen über die Entwicklungshilfen ins Land. Das hat zur Folge, dass Ruanda in hohem Maße abhängig ist von den Launen der Investoren. In der Bevölkerung entwickelte sich ein ausgeprägter Hang zum Betteln heraus, „give me money“, „give me food“ wird einem fast schon reflexartig entgegengeschleudert, sobald man sich mittels der weißen Hautfarbe outet. Ansonsten machen die Menschen eher einen sehr zurückhaltenden, ja fast schon misstrauischen Eindruck, selten kommt ein Gruß oder ein Lächeln von sich aus. Und sie wirken oftmals eigenartig tump, wie sie so vor einem stehen und einen anstarren, ohne das Gefühl zu vermitteln, dass sie verstehen, was sie da gerade sehen.

Das so hoch gelobte und von unseren Entwicklungsorganisationen großzügig unterstützte Bildungswesen ist weit davon entfernt, effiziente Ergebnisse zu liefern. Besonders auf dem Land fehlt es an kompetenten Lehrkräften für die permanent steigenden Schülermassen. Noch immer brechen über 30% der Schüler bereits nach wenigen Jahren die Grundschule ab. Und erschreckend viele Lehrer sind nicht in der Lage, in englischer Sprache zu unterrichten, obwohl alle Lehrbücher ab der vierten Klasse ausschließlich in Englisch sind. Das Ergebnis ist erschütternd.  Was für eine Farce!

Der Garant für eine aber insgesamt stabile und durchaus positive Entwicklung ist Präsident Kagame, einstmals Führer der Befreiungsarmee, die den inneren Frieden wieder herstellte. Doch dieser Frieden ist sehr wackelig. In vielen Aussagen erkennt man schnell, dass aufgrund fehlender,  ehrlicher Aufarbeitung und mangels Verurteilung zehntausender Mörder, die den Genozid durchführten, nur ein Deckel mühsam auf dem Topf gehalten wird. Die wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Ruander schwebende Frage - „Was passiert, wenn Kagame nicht mehr Präsident ist?“ – beunruhigt viele im Land. Zu Recht, denn nach wie vor sammeln sich Hutumilizen im Kongo, um irgendwann wieder zuzuschlagen.

Kagames harter Führungsstil wird einerseits gelobt, auch im westlichen Ausland gilt er als Paradebeispiel einer besonnenen Führerpersönlichkeit. Andererseits ist und bleibt er ein Autokrat, der keinerlei Opposition neben sich duldet. Doch der Mehrzahl der Ruander ist dies recht so. Und den ausländischen Investoren sowieso. „Eine Demokratie westlicher Form ist bei uns nicht umsetzbar“, erklärt der Manager eines Hotels. „Für eine demokratische Gesellschaftsform braucht es mündige Bürger, aber die haben wir nicht. Deren Bildungsstand verlangt eine starke Führung, an die sie glauben können. Dies gilt eigentlich für ganz Afrika“. Da hat er wohl recht…

Ruanda ist in einigen Bereichen sicher auf einem guten Weg. Von einem Vergleich mit der Schweiz allerdings ist das Land noch Lichtjahre entfernt…

 

jeder Quadratmeter in Ruanda ist bewirtschaftet
das Fahrrad ist das übliche Transportmittel
der Kindergarten beim Morgensport
östliche Vollbartmeerkatze / L´Hoest´s Moutain Monkey
Feldwirtschaft im ganzen Land
jedes Tal, jeder Berg ist bewirtschaftet
herrliche Ausblicke auf den Lake Kivu
tropische Fjordlandschaften am Lake Kivu
Plantagenwirtschaft am Lake Kivu
in Kibuye am Lake Kivu
Bootsausflug auf dem Lake Kivu
Ausblick vom Napoleon Island
Flughunde zu Hauf in allen Bäumen
Lake Ruhondo im Morgenlicht
Morgenstimmung am Lake Bulera
Die Virunga Vulkane, wie sie schöner nicht sein können!
Was für ein herrlicher Morgen!
am Lake Bulera

Afrika – Uganda

15. September – 14. Oktober 2018

Uganda – die Perle Afrikas

Vorweg - wir sind begeistert! Ein Land zum Wohlfühlen: Zentralafrikanischer Regenwald, wildreiche Seen im afrikanischen Grabenbruch, fruchtbares Hochland im Süden, aride Weite im Norden. Und dazu freundliche Menschen, die uns überall willkommen heißen. Wirklich eine afrikanische Perle…

 

Traumhafte Szenerien im ugandischen Hochland

Es kommt uns vor wie der legendäre Garten Eden: die Fruchtbarkeit der vulkanischen Erde, gepaart mit extrem hoher, fast täglicher Regenwahrscheinlichkeit, lässt die Natur förmlich explodieren. Drei Ernten pro Jahr sind normal, die Menschen gewinnen dem Boden fast alles ab, das in diesem Klima gedeiht. Sanfte Hügelketten grenzen an tief in die Landschaft eingeschnittene Seen, um die fleißig bearbeiteten Felder reihen sich Hütten und Dörfer. Aber auch vereinzelte Regenwaldinseln trotzen noch tapfer dem Urbanisierungswahnsinn. Über 4.000 Meter hohe, längst erloschene Vulkane bestimmen den Horizont, schaffen ein urweltliches Gesamtbild. Und das Wissen, dass in den fast undurchdringlichen Wäldern die letzten Berggorillas dieser Welt hausen, gibt dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz.

 

Gorilla-Trekking – Touristenattraktion als Gelddruckmaschine

Die Hälfte der weltweit noch lebenden Berggorillas verstecken sich hier im Bwindi Nationalpark. Zählt man die habituierten, also an Menschen gewöhnten und die nicht besuchbaren Tiere zusammen, sprechen wir von rund 400 Gorillas. Nicht mehr allzu viele also.

Der Aufenthalt bei den habituierten Sippen ist streng reglementiert. Das ist wichtig, um diese faszinierenden Geschöpfe nicht zu großem Stress auszusetzen. Und das Permit ist nicht gerade ein Schnäppchen: für uns Beide zusammen wären 1.200 US-Dollar auf die Ladentheke zu blättern – für maximal eine Stunde Gorilla gucken. Trotzdem sind die Permits auf Monate hinaus ausgebucht.

Auch wenn wir vor dieser aufgerufenen Summe kapitulieren, wir finden diese Preispolitik absolut in Ordnung. Der Staat braucht diese Einnahmen dringend, der Schutz der Gorillas kostet immens. Ob allerdings den tausenden von Touristen, die diesen Betrag auf den Tisch legen, bewusst ist, dass sie hier eben zwei durchschnittliche ugandische Jahresgehälter pro Person hingeblättert haben, während sie an offensiv bettelnden Kindern vorbeikutschiert werden?

 

Phantastische Tierbegegnungen im Schatten des Ruwenzori-Massivs

Selten zeigen sich die geheimnisumwitterten Mondberge, wie die Ruwenzori Mountains auch genannt werden, bis hinauf zu ihren schneebedeckten und vergletscherten Gipfeln. Meist verstecken sie ihre mehr als 5.000 Höhenmeter in dichten Regenwolken. Das feuchte Kongobecken auf der einen und die dampfige Seenlandschaft auf der anderen Seite sorgen für die weltweit höchsten Niederschlagswerte. Es regnet an rund 320 Tagen im Jahr…

Im Schatten dieser Berggiganten, im zentralafrikanischen Grabenbruch, breiten sich die Wasserflächen von Lake George und Lake Edward aus, erinnern namentlich an die britische Königsfamilie der englischen Kolonialzeit. Sie sind eingebettet im Queen Elisabeth Nationalpark, der einer sehr reichhaltigen Tierwelt Schutz vor dem massiven Bevölkerungsdruck und der Wilderei bietet, und das ganz ohne Zaun. Trotzdem befinden sich einige wenige Ansiedlungen im Parkgelände, meist als Fischerdörfer an den Ufern der Seen. Und dorthin führen natürlich schmale Pisten, die als öffentliche Straßen kostenfrei zu nutzen sind.

Ganz nach unserem Geschmack also, um den hohen Nationalparkgebühren ein Schnippchen zu schlagen. Und es ist unglaublich, wie viele Tiere wir oft fast hautnah erleben dürfen. Riesige Elefantenherden ziehen zu den Ufern, unzählige Hippogruppen tummeln sich im seichten Wasser. Mächtige Büffel grasen auf den grünen Flächen, Wasserböcke und Antilopen jeglicher Art sehen uns neugierig hinterher. Und erst die Vogelwelt: Kronenkraniche, Marabus, Nashornvögel, Riesenturakos, Pelikane, Flamingos, Eisvögel und Schreiseeadler, um nur einige zu nennen. Stundenlang sitzen wir einfach nur da und beobachten. Einzig die großen Katzen bleiben uns verwehrt, denn sie sind im hohen Gras nur sehr schwer auszumachen. Doch sie sind allgegenwärtig…

 

Conny rettet ein Kinderauge

„Was machst Du denn da! Bist Du verrückt?“ Mit einem Satz ist Conny bei den beiden Jungs. Der Zehnjährige ist gerade dabei, dem Achtjährigen mit einem spitzen Zweig eine ins Auge geratene Fliege herauszupopeln. Das Augenlid straff nach oben gezogen, kratzt er bereits am Augapfel herum. Der angsterfüllte Blick des kleinen Patienten spricht nicht gerade von großem Vertrauen in die ärztliche Kompetenz des Älteren. Stoisch glotzen drei erwachsene Frauen, gleichsam Mütter mehrerer um die Beiden herumstehender Kinder, dem operativen Eingriff entgegen.

„Das geht so nicht, Du verletzt ja das Auge! Lass das mich mal machen.“ Ruckzuck ist das Insekt mittels sanfter Wasserspülung aus dem Auge entfernt, selbiges damit unversehrt gerettet.

Schockierend ist nicht, dass ein Zehnjähriger auf eine solche Idee kommt, er kann es nicht besser wissen. Aber dass Erwachsene, selbst Eltern, daneben stehen und in keiner Weise eingreifen, zeugt von unglaublicher Ignoranz und Gleichgültigkeit. Oder von Naivität wie bei einem Zehnjährigen…

 

Die Quellen des Nil

„Das größte geografische Rätsel seit der Entdeckung Amerikas zu lösen“, so lautete im 20. Jahrhundert die Aufgabenstellung für die Forschungsreisenden Afrikas. Arabische Händler in Sansibar berichteten immer wieder von großen Seen im Innern Afrikas und den geheimnisvollen, sich meist in dichten Wolken versteckenden, schneebedeckten Mondbergen. Es dauerte jedoch bis ins Jahr 1860, bis John H. Speke den Lake Victoria erreichte und damit das große Auffangbecken für all die kleinen Zuflüsse, die letztlich als Victoria-Nil gebündelt gen Norden streben. 1862 schließlich stehen Speke und Grant in Jinja, von wo aus sich der Nil seinen Weg zum Mittelmeer sucht. Die Quelle ist gefunden!

Nun stehen wir ebenfalls hier. Für uns war es keine Expedition mit vagem Ausgang, sondern eine Reise voller Erlebnisse. Nach Niger, Kongo und Zambezi stehen wir am letzten der vier großen Ströme Afrikas. Wir haben sie alle Vier auf eigenen Rädern erreicht, ein erhebender Moment…

 

Afrikanisch kompliziert und weiße Spontanität

Wir sind auf der Suche nach einem ruhigen Platz für den Nachmittag und die kommende Nacht. Ein als Community-Touristic-Area ausgewiesenes Grundstück lokaler Bewohner fällt uns ins Auge, wir fragen nach, ob wir hier bleiben können. Leichte Überforderung in den Mienen der Umstehenden, erst ein Hinzugerufener heißt uns herzlich willkommen: „Genau solche wie Euch brauchen wir hier! Kommen viel zu selten Besucher vorbei…“ Klingt doch gut.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Der zuerst aufgerufene, akzeptable Preis von knapp drei Euro pro Person (wohlgemerkt für nichts weiter als eine Wiese unter Bäumen…) erhöht sich rasch auf das Doppelte. Als wir trotzdem schon geneigt sind, zuzustimmen, kommt plötzlich noch eine „Sicherheitszulage“ von sechs Euro dazu. Im Gegenzug bieten wir nun an, kostenlose Werbung auf der bekanntesten Traveller-Onlineplattform für das kommunale Projekt zu machen, dafür müssten sie uns aber im Preis entgegenkommen, ist ja schließlich ein Geschäft auf Gegenseitigkeit und eine Investition in die Zukunft für die Kommune.

Schulterzucken und Stirnrunzeln in der Runde. Kapieren sie leider nicht. Also ziehen wir wieder ab,  einen anderen Platz suchen, und die Kommune geht leer aus.

Wenige Augenblicke später kommt uns ein Fahrzeug entgegen, hält an und Marc, ein aus Zimbabwe stammender Weißer, seines Zeichens Inhaber der nahegelegenen Edellodge (Doppelzimmer für 500 Euro die Nacht…), lädt uns völlig unkompliziert ein, auf dem Areal direkt am Nil kostenfrei zu stehen. Die Lodge selbst liegt idyllisch auf einer kleinen Insel und der Manager lässt uns per Boot noch zwei eiskalte Bier zum Sundowner servieren, natürlich auf Kosten des Hauses. Gerne könnten wir auch noch zum Duschen mit auf die Insel kommen und den Abend auf der Terrasse verbringen. Und morgen sind wir selbstverständlich eingeladen, den Tag auf dem Gelände zu genießen.

Immer wieder wird bemängelt, dass der Tourismus an großen Teilen der lokalen Bevölkerung vorbei geht. Nun, sie verstehen meist nicht, wie sie es anpacken müssen. Und selbst einfachste Hilfestellungen und Erklärungen versickern mangels logischer Auffassungsgabe. Also macht letztlich doch wieder der „Muzungu“ das Geschäft…

 

Rund um den Mount Elgon

Selten präsentiert sich ein Viertausender unspektakulärer. Der Mout Elgon, einst weit höher als der Mount Kenia, also reichlich tausend Meter mehr als heute, ist durch permanente Erosion immer weiter abgeschliffen worden. Nun erhebt er sich mit einem Basisdurchmesser von rund 100 Kilometern nur noch sanft aus dem ihn umgebenen Urwaldgürtel. Die ganzjährig hohen Niederschläge machen ihn zum Quellgebiet unzähliger Bäche und Flüsse, die sich sternförmig über die Bergflanken ergießen.

Die spektakulärsten Wasserfälle findet man an der nordwestlichen Flanke. Die Sipi Falls stürzen sich in drei markanten Fällen senkrecht über steile Kanten mit dahinter liegenden Höhlen. Gemeinsam mit dem vom Wasser geschaffenen, üppig grünen, tief eingeschnitten Tal und dem darunter sich ausbreitenden Plateau aus erkaltetem Lavagestein hat die Natur hier eine grandiose Kulisse geschaffen. Weit geht von hier aus der Blick hinaus in die Ebene, die sich in der dunstigen Ferne am Horizont verliert.

Nur selten lässt das hier herrschende, unberechenbare Wetter eine Besteigung zu. So bleibt es meist beim Eintauchen in die wolkenverhangene Regenwaldzone.

 

Fazit Uganda

Schon die Briten erkannten vor über hundert Jahren, dass das grüne Hochland von Uganda eine Perle der Natur ist. Doch der Weg dorthin war weit und entbehrungsreich, so dass sich kaum weiße Farmer in dieser extrem fruchtbaren Region niederließen. Nach der Unabhängigkeit blieb das Land hauptsächlich wegen seiner beiden grausamen Diktatoren Michael Obote und Idi Amin im Gedächtnis haften, die in beispielloser Willkür für millionenfache Folterung und Morde verantwortlich waren.

Seitdem sind gut dreißig Jahre vergangen. Politische Stabilität verhalf dem Land einerseits, sich im Schatten seiner großen Nachbarn unauffällig weiter zu entwickeln, andererseits stagnieren Wirtschaft und gesellschaftliches Fortkommen aufgrund korrupter Hierarchien. Doch insgesamt ist Uganda auf einem guten Weg.

Große Anstrengungen werden in touristische Infrastruktur gelegt. Selten sind uns mehr lokal geführte Einrichtungen aufgefallen, auch wenn es ihnen oft schwer fällt zu erkennen, was der westliche Tourist letztlich erwartet. Vom einfachsten Camp bis zur hochpreisigen Edellodge ist das Angebot breit gefächert. Einen ganz hohen Stellenwert hat der Tierschutz. Nachdem Idi Amins Schergen die Nationalparks praktisch leergeschossen hatten, ist es der Natur inzwischen gelungen, die Tierbestände durch Zuwanderung aus dem benachbarten Kongo wieder aufzufüllen. Und so erlebt man nun ein sympathisches Nebeneinander von kleinen Dörfern und reichhaltigem Wildtierbestand.

Wie in allen afrikanischen Ländern ist vor allem im Süden Ugandas das explodierende Bevölkerungswachstum ein nicht zu bändigendes Problem. Mangelhafte Schulbildung, exorbitante Arbeitslosigkeit in den Städten und immer kleiner werdende landwirtschaftliche Parzellen zur Selbstversorgung sind der Garant für eine humanitäre Katastrophe binnen der nächsten beiden Generationen. Noch ernährt sich das Land selbst dank ergiebiger Regenfälle und fruchtbarem, vulkanischem Boden, doch die vor allem im Norden Ugandas herrschenden Trockenzeiten und Millionen von Flüchtlingen aus den Krisengebieten der Nachbarländer verschärfen die Lage schneller als gedacht.

Für uns ist Uganda schnell zu einem unserer Lieblingsländer in Afrika geworden. Die Menschen sind unglaublich freundlich und offen, die Landschaften grandios, die Tierwelt vielfältig. Touristisch steht die Region immer noch im Schatten der beiden Nachbarn Kenia und Tansania. Zu Unrecht, wie wir meinen…

 

 

paradiesische Landschaft am Lake Mutanda
eng geht es her auf den Pisten rund um den See
traumhafte Kulisse am Lake Mutanda
Wettersturz - und die Welt scheint unter zu gehen
pittoreske Inselwelt am Lake Bunyonyi
überraschende Begegnungen am Straßenrand
große Büffelherden
Leierantilopen
Baumschule...
typische Landschaft im Südwesten Ugandas
die offiziellen Quellen des Nils bei Jinja
Dreihornchamäleon
Colobus Affe
zankende Grünmeerkatzen
erster Ausflug ohne Mama...
salzhaltiger Kratersee Nyamunuka
Sipi Falls
Landschaft in den Kasenda Crater Lake Fields
Nashornvogel
Fischer in Katwe am Lake Edward
Ja! Wer bist denn du?
Nimmersatt
Mädchen in Katwe
Metzgerei in Kisenyi
Marabus stolzieren in den Dörfern herum
Dorfleben mit Schneider in Kisenyi
Junge mit selbstgebautem Holzroller
Kinder sind beim Wildcamping immer um uns herum
zwei Freundinnen
Kronenkraniche - das Wappentier Ugandas
müdes Hippo

Afrika – Kenia / 1.Teil

14. Oktober – 10. November 2018

Wandel zwischen Tradition und Moderne

Kenia ist sicherlich das bekannteste Land in Ostafrika. Schon die Engländer erkannten schnell die landwirtschaftlichen Möglichkeiten rund um den Mount Kenya und am Lake Victoria und machten das Land zu ihrer bevorzugten Kolonie. Wir wollen ein wenig ihren Spuren folgen…

 

Naturparadies Lake Baringo

Schon von Weitem, von den steil abfallenden Felskanten der Tugen Hills, glitzert die Wasserfläche des Lake Baringo zu uns empor. In die aufregende Kulisse des Großen Grabenbruchs schmiegt sich dieser seichte Süßwassersee ein wie ein Gemälde, das je nach Stimmung die Farben wechselt. Viele Hippos leben rund um seine grasigen Ufer, erfüllen die ruhige Szenerie immer wieder mit lautem Grunzen. Furchteinflößende Krokodile sonnen sich in der wärmenden Nachmittagssonne, nur wenige Meter von uns entfernt. Und erst die vielfältige Vogelwelt! Mehr als 450 verschiedene Vogelarten tummeln sich um den See, darunter verschiedene Gattungen der Tokos, die sich ganz zutraulich sogar aus der Hand füttern lassen oder die größte in Afrika vorkommende Kolonie von Goliath-Reihern.

Doch diese Naturidylle ist ernsthaft bedroht! Die Wasserentnahme für die Bewässerung der Felder und der Eintrag gewaltiger Mengen von Erosionsmaterial lassen den flachen See schrumpfen und  langsam versalzen. Das Fischen ist eigentlich bereits verboten, um den Tieren das Überleben zu ermöglichen, doch der Bevölkerungsdruck wird letztlich auch hier seine zerstörerische Wirkung entfalten…

 

Der Große Grabenbruch

Über mehr als 5.000 Kilometer erstreckt sich ein gigantischer Graben quer durch den afrikanischen Kontinent. Ausgehend vom Toten Meer zwischen Israel und Jordanien, gestaltet und prägt er Ostafrika mittels bis zu 1.000 Meter tiefen Schluchten und läuft ganz im Süden im Sambesi-Tal in Mozambik langsam aus.

Vor rund achtzehn Millionen Jahren drangen siedend heiße Magmaströme aus dem Erdinneren nach oben. Die Erdkruste riss auseinander und die Deckschollen sanken in den entstandenen Spalt und bildeten den Grabenboden. Starker Vulkanismus ließ unzählige Vulkane entstehen, die bekanntesten sind die einstmals über 7.000 Meter hohen Kilimandjaro und Mount Kenya. Wie Perlen an einer Kette füllen mehrere flache Seen die Senken des Grabens mit ihrem inzwischen meist alkalischen Wasser.

Am faszinierendsten ist dabei die Vorstellung, dass genau hier, in der fruchtbaren, vulkanischen Erde des Rift Valleys, sich die Wiege der Menschheit befinden soll. Knochenfunde beweisen, dass  menschenähnliche Hominiden vor etwa dreieinhalb Millionen Jahren hier gelebt hatten, bevor sich später weiterentwickelte Arten so langsam über die ganze Erde ausbreiteten.

Eines fernen Tages dann wird der afrikanische Kontinent genau an diesen Stellen auseinanderbrechen und der östliche Teil gemeinsam mit der Insel Madagaskar langsam gen Osten schwimmen…

 

Visahürde äthiopische Botschaft

Die bekanntermaßen härteste Visa-Nuss Ostafrikas ist in Nairobi auf der äthiopischen Botschaft zu knacken. Dies liegt interessanterweise aber eher an der fehlenden Kooperation unserer Botschaft, deutsche Traveller zu unterstützen, als an den Äthiopiern selbst. Doch warum ist das so?

Nun, die Äthiopier wollen aus unerfindlichen Gründen eine Bestätigung der Botschaft des anfragenden Travellers, ob mit ihm und seinen Papieren alles soweit in Ordnung ist. An und für sich eine nicht sehr aufwändige bürokratische Herausforderung für eine Botschaft, da es für diese Dienstleistung sogar ein vorgedrucktes Formular gibt. Doch ausgerechnet die deutsche Botschaft in Nairobi verwehrt schon seit Jahren diese Hilfeleistung ohne jede Begründung. Also versuchen wir unser Glück eben ohne dieses Papier.

Die erste Aufgabe für den Visumantragssteller ist es, an der strengen Empfangsdame in der äthiopischen Botschaft vorbei in die Konsularabteilung zu gelangen. Erfährt diese nämlich, dass man eben dieses Schreiben nicht hat, ist jegliche weitere Anfrage sinnlos. Wir ignorieren also den Empfangsdrachen geflissentlich und stürzen uns direkt auf einen zufällig auftauchenden Krawattenträger, der nach Anhörung unseres Anliegens uns direkt in die heiligen Räume des äthiopischen Botschafters begleiten lässt, wieder vorbei an der nun äußerst indigniert blickenden Empfangsdame. Dort nimmt uns dessen Assistentin in Empfang und verspricht, sie werde unser Anliegen weiterleiten, man werde tun, was man kann.

Zurück in der Konsularabteilung bekommen wir unter den vernichtenden Blicken des Empfangsdrachens von einem weiteren Mitarbeiter die Visa-Antragsformulare ausgehändigt. Diese werden anschließend auf den Schreibtisch des Botschafters weitergeleitet und wir sollen gegen 14:00 Uhr wieder aufschlagen, um dann dessen Entscheidung zu erhalten. Nach einer weiteren nervigen Stunde Wartens bekommen wir unsere Antragsformulare unter den triumphierenden Blicken des Empfangsdrachens als Abgelehnt zurück; der Botschafter bestünde auf das Schreiben unserer Botschaft!

Doch so leicht lassen wir uns nicht abkanzeln! Wir fordern eine weitere Audienz im Büro des Botschafters, die uns nach hartnäckiger, telefonischer Diskussion mit dessen Assistentin auch gewährt wird. Man geleitet uns dann zumindest zum Vizebotschafter, einen sehr freundlichen und verständnisvollen Mann, der unsere Argumentation versteht und auch die Sinnlosigkeit der äthiopischen Forderung nach diesem Schreiben erkennt. Zwei kurze Telefonate später bittet er uns wieder zurück in die Konsularabteilung, wo uns sehr zuvorkommend und rasch unsere gewünschten Drei-Monats-Visa in die Pässe gestempelt werden. Als wir uns nach dieser vierstündigen Schreibtischrallye höflichst bedanken und verabschieden, sind wir froh, dass der Empfangsdrachen nicht bewaffnet ist…

 

Bei Alice und Vincent

Es wird so langsam Abend und wir brauchen dringend einen sicheren Übernachtungsplatz. Ein angesteuertes, weitläufiges Schulgelände entpuppt sich als Rehabilitations-Internat für straffällig gewordene Burschen, die Verantwortlichen wollen nicht, dass wir auf dem Gelände bleiben, es sei denn, wir bezahlen eine Gebühr in die Hosentaschen der Wachhabenden. Wir wenden uns zum Gehen. Vincent, einem der Lehrer, ist dies sehr peinlich, uns kurz vor Sonnenuntergang so zu behandeln. Kurzerhand lädt er uns zu sich nach Hause ein.

Er fährt mit dem Moped voraus, die erdige Seitenstraße wird schmäler, doch noch kommen wir gerade so durch. Dann sind wir da, „Manni“ füllt einen Großteil des Hofes aus. Alice, seine Frau, heißt uns herzlich willkommen, sie zeigen uns ihr kleines Anwesen, das erst vor kurzem gebaute Haus, den angefangenen Brunnen, das Waschhaus. Zwei Kühe, vierzig Hühner und noch jede Menge Baumaterialien um uns herum. Wir sind müde, nach einer kleinen Mahlzeit fallen wir ins Bett.

Das Lachen der Nachbarkinder und die Melkgeräusche neben unserem Schlafzimmerfenster wecken uns zeitig. Vincent hat sich den Vormittag frei genommen, wir erfahren viel aus dem Leben der Beiden, entscheiden, noch einen Tag zu bleiben. Alice lässt es sich nicht nehmen, für das Abendessen ein Huhn zu schlachten, wir steuern das Gemüse und die Gewürze bei.

Dicke Regenwolken lassen uns zeitig aufbrechen, die Gefahr, dass der erdige Weg vom Haus der Beiden zurück zur Asphaltstraße unpassierbar wird, ist groß. Es war eine spontane Einladung, und wir alle haben die beiden Tage sehr genossen. Herzlichen Dank!

 

Rund um den Mount Kenya

Nur selten reißen die dichten Wolken auf, hinter denen sich dieser gigantische Vulkan, oder das, was von ihm übrig geblieben ist, versteckt. Und was dann zum Vorschein kommt, präsentiert sich zwar horizontfüllend, wirkt jedoch alpinistisch gesehen eher unscheinbar. Von seinen ehemals gut 8.000 Höhenmetern sind nur noch knappe 5.200 Meter übrig geblieben, den Rest hat die Erosion getilgt. Der breite Sockel verliert sich in der umliegenden Hügellandschaft, und die felsigen Spitzen könnten so auch in dolomitischen Gefilden stehen. Kaum zu glauben, dass wir hier vor dem zweithöchsten Berg Afrikas stehen…

Wir umrunden den mächtigen Berg, denn eine Besteigung ist jetzt in der kleinen Regenzeit sinnlos. Und uns grundsätzlich auch zu teuer, denn wir müssten dafür mal eben 1.000 US-Dollar auf den Tresen legen. Die weiten Flanken sind dank der kräftigen Regenfälle die fruchtbarsten in ganz Kenia. Und so fahren wir durch verschwenderisch grüne Landschaften, tropische Vegetation wechselt sich ab mit Obst- und Gemüsefeldern. Auf den Ausläufern des Laikipia-Plateaus dominieren unendlich erscheinende Mais- und Weizenfelder, an den nördlichen Hängen ist es wesentlich trockener. Den Menschen hier geht es verhältnismäßig gut. Noch. Denn die perfekten Anbaumöglichkeiten führten dazu, dass dies heute die am dichtesten besiedelte Region Kenias ist.

 

 

das herrlich gelegene Robert´s Camp am Lake Baringo
African Jacana stelzt durchs Wasser
nicht umsonst ist sein Name Superp Starling
Graufischer beim Fischfang
Silberreiher nach erfolgreicher Jagd
Lake Baringo - Krokodile auf Tuchfühlung
Jackson´s Toko
Nektarvogel
Feuerlibelle
vorsichtig auf Pirsch - der Nilwaran
Blick von Iten ins Kerio Valley
am großen östlichen Grabenbruch
Gewitterstimmung am Lake Baringo
Lake Elmentaita im großen Grabenbruch
Fahrrad als mobile Schleifwerkstatt - Messerschleifer in Nyahururu
zu Besuch bei Alice und Vincent
Alice schlachtet für uns ein Huhn
das Huhn wird gerupft
der Mount Kenya-Gipfel im allerschönsten Abendlicht

Afrika – Kenia / 2.Teil

11. November – 27. November 2018

Im Land der Samburu und Turkana

Über zwei Wochen sind wir im abgeschiedenen Norden Kenias unterwegs, schinden „Manni“ durch unwegsames Gelände, über scharfkantiges Lavagestein, durch tiefsandige Trockenflüsse, queren steile Bergflanken. Und wir tauchen ein in ursprünglichste Lebensformen, bei den Samburu, den Turkana, den El Molo und den Dassanech. Es sind mit die authentischsten Tage unser spannenden Jahre in Afrika!

 

Umoja Cultural Village – erfolgreiches Geschäftsmodell für gutgläubige Touristen

Der Gedanke, der diesem Projekt einmal zugrunde lag, als es vor über fünfundzwanzig Jahren ins Leben gerufen wurde, war richtig. Eine Art Frauenhaus für geschundene Samburu-Frauen, die zuhause von ihren Männern regelrecht versklavt wurden. Doch was ist davon übrig geblieben?

Traditionelle Manyattas, Hütten aus Kuhdung und Weidenstecken. Wirken irgendwie unbewohnt. Davor ein Dutzend Frauen, einige Kinder. Nachlässig übergeworfene, traditionelle Kleidung, angelegter Kopfschmuck. Gelangweilter Gesichtsausdruck, besonders bei den Jüngeren. Auf dem Boden ausgebreitete Handwerkskunst, nett gemacht aus Kunststoffperlen.

Rebecca, die gut genährte „Managerin“ des Projekts, lädt uns ein, uns einer Führung ältlicher Amerikanerinnen anzuschließen, kostenlos. Also gut.

Die Show beginnt: Rebecca erzählt, erklärt. Die Frauen hier, geflüchtet vor der Willkür ihrer Männer, geschunden, geschlagen, vergewaltigt. Verheiratet mit sieben, in Polygamie gezwungen. Keine Rechte auf Menschenwürde. Fassungsloses Kopfschütteln bei den Amerikanerinnen. Erstes Geldscheinrascheln. Ein Kuvert macht die Runde.

Rebecca läuft zur Höchstform auf: Männer dürfen ihre Frauen sogar straffrei töten, wenn sie es so entscheiden. Und jetzt sei außerdem gerade der Monat der Beschneidung der Mädchen, viele versuchen, hierher zu flüchten. Entsetzen macht sich breit. Noch mehr Geldscheinrascheln.

Eine ausgewählte Hütte wird besichtigt. Dunkel, verqualmt vom glimmenden Feuer, speckige Lagerstätten. Ungläubiges Staunen, so kann man doch nicht wohnen. Das Kuvert ist voll.

Dann der Schulbesuch. Es ist Sonntag, und Ferien. Die Kinder wurden herbeizitiert, gemeinschaftliches Singen ist angesagt. Tütenweise Süßkram wird verteilt. Die heruntergekommene Schule ist eigentlich nur noch Staffage, längst existiert eine neue, größere. Hilfsprojekt aus Mönchengladbach. Fällt aber niemandem auf.

Zwischendurch eine Frage von Conny: „Das wirkt hier alles so leblos. Wo sind denn die Nutztiere?“ Also die Tiere wurde von Turkana-Viehdieben mit Waffengewalt gestohlen, erst letzte Woche. Jetzt haben die Frauen keine Milch mehr für ihre Kinder. Viehdiebstahl? Wie grausam ist das denn! Ungläubiges Raunen. Dass es so etwas Schreckliches heutzutage noch gibt!  (das Stammesgebiet der Turkana ist übrigens viele hundert Kilometer weiter nördlich…)

Jetzt kommt der entscheidende Moment des Geschäfts, die Amerikanerinnen sind weichgeklopft. Alles stürzt sich auf die ausgebreiteten, nett gemachten Gewerke der Frauen. Im Nu wechseln harte Dollar die Besitzerinnen, tütenweise werden Kunststoffperlenprodukte zu Phantasiepreisen weggetragen.

Verabschiedung: Singend und feixend werden die gemolkenen „Azungu“ zu ihren Kleinbussen begleitet. Winken und tschüss. Die Samburu-Frauen schmeißen sich fast weg vor so viel Gutgläubigkeit…

Abschießende Buchhaltung: Jede trägt ihren erwirtschafteten Betrag ein, am Ende stehen unfassbare 635 US-Dollar im Kassenbuch. Für das Kunststoffgedöns. Dazu der Betrag aus dem prall gefüllten Spendenkuvert. Und dann noch das Eintrittsgeld für die ganze Farce. Insgesamt also gut über 1.000 US-Dollar! In weniger als zwei Stunden. Respekt, Mädels! Noch nie durften wir einer solch perfekt inszenierten Abzocke beiwohnen.

Als wir wenig später den Ort des Spektakels verlassen, sehen wir viele der von ihren Männern angeblich so geschundenen Frauen, jetzt in ganz normaler Alltagskleidung, zurück in ihre eigentlichen Hütten, nach Hause zu ihren Familien laufen. Und wenn die nächste Touristengruppe angesagt ist, dann kommen sie mal eben wieder ins sichere Frauenhaus. Zur Tränendrüsen-Verarsche.

The Show must go on…

Ach ja, Kultur gab es übrigens keine zu sehen im Cultural Village…

 

Bei Ann und Isaac in Maralal

„Kommt doch einfach mit zu mir, wir haben genug Platz für Euren Laster. Und Ihr könnt bleiben, solange Ihr wollt. Natürlich kostenlos!“

Isaac, Mitarbeiter des örtlichen Gerichts, beantwortet unsere Frage nach einem ruhigen Übernachtungsplatz in Maralal ganz unkompliziert. So lernen wir eine außergewöhnliche Familie kennen, als wir abends am hell lodernden Lagerfeuer sitzen:

„Mein Großvater wurde Koch bei den englischen Missionaren, die hier in der Region die erste Schule im Samburuland gründeten. Und er entdeckte die christliche Welt für sich und seine Familie. Er schickte seine neun Kinder alle auf diese Schule, und sie lernten viel über die Welt der Weißen.“

Ein winziges Bündel Mensch, verschrumpelt und in sich zusammengesunken, aber mit nach wie vor wachem Verstand. Seit ein paar Monaten erblindet und fast taub, nimmt die Großmutter von Isaac immer noch am täglichen Leben der sie betreuenden Menschen teil:

„Meine Großmutter zählt mehr als 110 Lebensjahre, genau wissen wir es nicht, es gab ja damals, in der Kolonialzeit, noch keine Aufzeichnung für uns Schwarze. Aber sie erinnert sich immer noch an so manche Begebenheit aus längst vergangenen Zeiten. Und sie ist berühmt für ihre Heldentat als junge Frau, als sie eigenhändig einen Löwen tötete, der ihrer Ziegenherde gefährlich wurde.“ Das sind die Geschichten, die Afrika prägen…

Isaac ist ein Samburu, Speer und Schmuck hat er allerdings schon längst mit Anzug und Krawatte getauscht. Nur zu feierlichen Anlässen wirft er sich in die traditionelle Kluft. So wie alle seine acht Geschwister:

„Unser Vater legte großen Wert darauf, dass wir eine ordentliche Ausbildung bekamen. Dies war zu damaliger Zeit sehr außergewöhnlich. Und er hat uns alle im christlichen Glauben erzogen, hat uns Brüdern z.B. verboten, in üblicher Polygamie zu leben.“

Ann, die Frau von Isaac, ist eine Kikuyu. Es ist bis heute nicht unbedingt üblich, dass völkerüberschneidend geheiratet wird, zu viele traditionelle Schranken verhindern dies immer wieder:

„Ann und ich sind seit sechzehn Jahren zusammen, wir haben vier Kinder. Aber wir sind bis heute nicht verheiratet, da ich als junger Mann den Brautpreis nicht aufbringen konnte. Aber mein Schwiegervater beruhigte mich und sagte, wir sollen unser Leben in die Hand nehmen und das mit dem Brautpreis hätte Zeit. Kurz darauf ist er verstorben. Aber jetzt ist es soweit, bald holen wir unsere Hochzeit nach.“

Isaac und seine Brüder teilen sich ein riesiges Hanggrundstück in den Hügeln um Maralal. Wie hier üblich, wurde der väterliche Grund nach dessen Tod auf die Brüder aufgeteilt:

„Mein Bruder Joseph betreibt hier nebenan eine mustergültige, kleine Farm, er wurde seinerzeit sogar von einem EU-Programm gefördert. Auch meine Mutter lebt hier auf ihrer Parzelle, mit ihren Kühen. Und meine beiden anderen Brüder, einer ist Pfarrer, ein anderer saß zehn Jahre im Gefängnis, haben hier auch ihre Heimat. Und sogar eine meiner Schwester ist hier geblieben mit ihrer Familie. So sind wir alle zusammen und eine starke Gemeinschaft.“

Ann und Isaac und all die anderen Mitglieder seiner Familie, sie nahmen uns mit großer Herzlichkeit in ihre Gemeinschaft auf. Wir lernten viel über das Leben der Samburu und wir konnten Spannendes aus unserer Welt vermitteln. Die Zeit mit ihnen war wertvoll und emotional. Ganz herzlichen Dank dafür!

 

Hochzeit bei den Samburu

„Ende der Woche findet in Gelai bei Baragoi eine traditionelle Hochzeit statt. Interessiert Euch das? Dann könnte ich das arrangieren, dass Ihr dabei sein dürft.“ Was für eine Frage! Isaac informiert seinen Kollegen Emanuel in Baragoi, und der nimmt uns zwei Tage später mit nach Gelai.

„Gelai ist in den letzten Jahren immer größer geworden, viele Familien aus dem Umland sind in den Schutz des Dorfes gezogen, weil uns die Turkana immer wieder überfallen, um unser Vieh zu rauben. Und dabei gibt es auch immer wieder Tote.“ In der abendlichen Männerrunde erfahren wir Interessantes aus der Kultur der Samburu. „Hier sitzen wir jeden Abend und erzählen uns die alten Geschichten, vom Großvater zum Vater, vom Vater zum Sohn. Das ist die traditionell afrikanische Kommunikation.“

Jede Familie besitzt Kamele, Rinder, Schafe und Ziegen. Und natürlich Hühner. Viehhaltung ist der Lebensinhalt der Samburu. Und Kinder. Viele Kinder. Es wuselt nur so um uns herum. „Ich habe acht, aber nur eine Frau. Mein Bruder hat zwei Frauen, und viel mehr Kinder.“

Die lederne Kalebasse kreist in der Runde. „Hier nimm, geronnenes Rinderblut gemischt mit frischer Kamelmilch. Sehr schmackhaft und gesund.“

Leider haben wir gerade überhaupt keinen Durst…

„Manni“ parkt direkt im staubigen Hof, zwischen niedrigen, aus dünnen Stecken, Kuhdung und Plastikplanen gebauten Manyattas, den traditionellen Hütten der Samburu. Dunkel sind sie, verräuchert und schmutzig. Hier drinnen hausen vielköpfige Familien, hier wird Leben gezeugt und gestorben. Alles in einem lediglich brusthohen Raum. Kein Licht, kein Wasser. Nur wenige Schritte um uns herum die Krale der Kamele, Ziegen und Schafe. Bei Sonnenaufgang weckt uns lautes Blöcken und heiseres Grummeln, helles Kinderlachen und fremde Wortfetzen, die Geräuschkulisse ist ungewohnt. Und der Geruchsmix aus kaltem Rauch, markigen Tierausdünstungen und dem allgegenwärtigen Staub sehr intensiv.

Wir bieten dem Bräutigam an, professionelle Fotos für die Familie zur Erinnerung zu machen, als Hochzeitsgeschenk. Das anfängliche Misstrauen weicht rasch, bald stört sich niemand mehr an unserer Gegenwart. Conny kann ungehindert fotografieren, ein jeder versucht, uns die traditionellen Abläufe zu erklären. Keine Show für Touristen, alles authentisch bis ins kleinste Detail.

Gestern Abend hatten der Bräutigam und seine Freunde den Brautpreis in Form von zehn Rindern ins Dorf getrieben. Lange noch hören wir ihr Singen und ihre Gespräche. Die eigentliche Zeremonie beginnt beim ersten Tageslicht mit dem Schlachten eines der Rinder. Die jungen Männer um den Bräutigam, Moran genannt, also Krieger, präsentieren sich im festlichen Outfit. Dem Rind wird im Nacken das Rückenmark durchtrennt; es verendet langsam, während an der Hauptschlagader bereits das Blut abgezapft wird, das später mit Milch vermischt den alten Männern gereicht wird. Anschließend wird sehr professionell gehäutet, die Füße abgehackt und das frische Knochenmark an die umstehenden Kinder zum Auslöffeln gereicht. Nun wird das Rind in genau definierte Stücke zerteilt, denn Frauen und Männer bekommen von der Tradition festgeschriebene Teile. Dann werden spezielle Stücke vom Bräutigam und seinem Helfer in die Hütte der jungen Braut gereicht und dort getrocknet.

Wenig später wird der Brautvater geehrt und gesegnet, das Ritual erschließt sich uns nicht wirklich, wirkt jedoch sehr feierlich. Dann ist auch schon Schluss, vorerst, wie es heißt. Doch der für den Abend zu Trommelrhythmen  angesagte Tanz der Frauen findet aus irgendwelchen Gründen nicht statt – schade.

Am nächsten Morgen wird dem Bräutigam seine Braut endgültig übergeben. Sichtlich überwältigt von ihren Gefühlen, das elterliche Heim nun verlassen zu müssen, schleicht die höchstens Fünfzehnjährige durch das Spalier der Dorfältesten ihrem Neuehemann hinterher. Es wird ein sehr emotionaler Abschied aus dem Dorf ihrer Jugend…

Auch wir verabschieden uns nach fast drei Tagen inmitten der Samburu. Sie haben uns ausgesprochen herzlich in ihrer Mitte aufgenommen und akzeptiert. Wir waren wirklich Gäste, keine zahlenden Azungu, das haben sie uns jederzeit spüren lassen. Für uns waren diese Tage ein unglaubliches Erlebnis, wie es einem Außenstehenden normalerweise wohl kaum zuteilwird. Als wir „Manni“ langsam zwischen den niedrigen Manyattas aus dem Dorf bugsieren, winken uns strahlende Gesichter hinterher…

 

Lake Turkana

Es sind die vielen Mythen, die sich um das Gebiet rund um den Lake Turkana ranken, die den Reisenden hierher ziehen. Es ist wohl eine der abgelegensten Regionen Afrikas, nur schwer auf einsamsten und schlechten Pisten erreichbar. Der Lake Turkana ist der größte Wüstensee der Erde, trotzdem sind seine Ufer extrem unwirtlich. Das ganze Jahr über peitscht ein mörderischer Wind über die heißen und staubigen Steinebenen.

Die hier ausharrenden Menschen kämpfen meist ums nackte Überleben. Es sind dies die Ethnien der Samburu und der Turkana, die sich immer wieder mit ihren Viehherden in die Quere kommen, sich gegenseitig dieses mit Waffengewalt stehlen und dabei nicht selten selbst ihr Leben verlieren. Es sind dies die nur noch wenige hundert zählenden Fischer der El Molo, die sich mehr und mehr mit den Turkana vermischen. Und es sind die Viehhalter und Bauern der Dassanech, die beidseitig der Grenze zwischen Kenia und Äthiopien leben. Sie alle sind noch tief in ihren uralten Traditionen verwurzelt und es ist immer ein ganz besonderes Erlebnis, einen kurzen Einblick in ihre uns so fremde Welt zu erhaschen.

Der Vulkanismus hat diese skurrile Landschaft geschaffen, die sich beidseits des Großen Grabenbruchs erstreckt. Vielerorts erkennt man die einstmals mächtigen Vulkankegel, die ihre glühenden Lavamassen kilometerweit über das damals fruchtbare Land schleuderten. Heute quält sich der Reisende über scharfkantige Basaltsplitter und über glühend heiße, schwarzbraune Steinebenen, die sich oft bis zum Horizont erstecken.

Doch dieser entlegene Teil der Erde, einst der Platz, wo sich die Menschheit vor über drei Millionen Jahren entwickelte, er verliert ganz langsam seine Mythologie. Afrikas größter Windpark mit 365 Windrädern geht soeben an den Start, einige Zufahrtswege wurden entsprechend aufgepeppt. Zivilisationsmüll verziert immer öfter die Pistenränder und der Lebensraum für die umherziehenden Halbnomaden wird eingeengter. Doch noch ist es eines der letzten Abenteuer, hier oben alleine unterwegs zu sein, denn oft trifft man tagelang niemanden. Außer ein paar Kalaschnikow tragende Hirten…

 

Fazit Kenia

Für uns ist Kenia das Land der großen Widersprüche. Einerseits macht es den fortschrittlichsten Eindruck aller ostafrikanischen Länder, denn nirgendwo sonst ist ein aufstrebender Mittelstand so prägnant spürbar. Andererseits bekriegen sich nomadisierende Völker, gefangen in uralte Traditionen, stehlen sich gegenseitig ihr Vieh und widersetzen sich der Staatsmacht. Auf der einen Seite buhlen noble Lodges in den Nationalparks und am Indischen Ozean um zahlungswillige Gäste, andererseits vegetieren Millionen Mittelloser in den Slums der Großstädte im unbeschreiblichen Dreck dahin. Einerseits investiert die Welt Milliarden in Prestigeobjekte, andererseits ist die staatliche Korruption so ziemlich die ausgeprägteste in ganz Afrika. Poltische Willkür auf Kosten der Menschen sichert einflussreichen Clans ein unbeschreiblich luxuriöses Leben, während die breite Masse nicht weiß, wie sie abends ihre vielköpfige Kinderschar satt bekommt. Nirgendwo sonst haben wir mit schwarzen Menschen so viele intelligente und zukunftsorientierte Gespräche führen können, doch auch nirgendwo sonst war gar keine Kommunikation möglich, da die Zahl der Schulabbrecher extrem hoch ist.

Ganz bewusst haben wir auf die touristischen Highlights während unserer sieben Wochen im Land verzichtet. Wir hatten einfach keine Lust auf überteuerte Nationalparks und auf mit Hotels zugepflasterte Küstenstreifen. Dafür reisten wir sehr intensiv durch Landstriche, die dem normalen Besucher verschlossen bleiben. Allein für die Region um den Lake Turkana nahmen wir uns über zwei Wochen Zeit. Und wir hatten mit die eindrucksvollsten Erlebnisse unserer bisherigen Afrikareise.

Das Reisen im Land ist ausgesprochen angenehm. Nie wurden wir von der Polizei angehalten und kontrolliert, geschweige denn mit erfundenen Vergehen belästigt. Immer wurden wir weiter gewunken, sobald die Jungs erkannten, dass wir Gäste sind. Im Gegenteil, machten wir den Anschein einer gewissen Ratlosigkeit, hielten sie sofort und fragten, ob und wie sie uns helfen könnten. Ist uns so in Afrika bisher noch nicht passiert.

Doch welchen Weg wird Kenia gehen, wie wird die Zukunft aussehen? Das Land mit seinen zweiundvierzig so grundverschiedenen Ethnien gleicht oft einem Pulverfass. Oft genügen Kleinigkeiten, und schon fallen die Menschen unkontrolliert übereinander her. Die politischen Führer gehen hier mit schlechtestem Beispiel voran. Die Geburtenrate ist eine der höchsten in ganz Afrika, trotz spürbarem Mittelstand. Und der Platz zum Leben wird schon heute immer enger…

Trotzdem, für uns war die Zeit in Kenia so richtig schön, entspannt und interessant.

 

 

Samburu Frau
Samburu Frau
zwischen Archers Post und Maralal
Wüstenrose in karger Landschaft
World´s End View, Great Rift Valley
110 Jahre afrikanische Geschichte...
Ziege vom Grill bei Ann und Isaac
grüne Oase Baragoi
Inselberge auf dem Weg nach South Horr
Kral-Camping im Samburu Dorf
morgendliches Kamelmelken
rituelles Schlachten eines Bullen läutet die Hochzeit ein
spezielle Fleischpartien werden den Brauteltern überreicht
traditionelle Segnung des Brautvaters
Hochzeitsgäste
der Bräutigam
Übergabe der Braut an den Bräutigam
Bräutigam und Brauthelfer führen die Braut ins neue Heim
die Braut wirkt noch sehr angespannt
Bergtal südlich von South Horr
üppiges Tal von South Horr
erster Blick auf den Lake Turkana
Turkana-Clan auf dem Weg zu einem neuen Siedlungsplatz
Blick über den Lake Turkana zum Mt. Porr
steinige Pisten zum Lake Turkana
tolle Wüstenlandschaft rund um den Sibiloi-NP
eine typische Manyatta-Siedlung der Dassanech
Kinder vom Volk der Dassanech
Sonnenuntergang über dem Lake Turkana

Afrika – Äthiopien / 1.Teil

27. November – 31. Dezember 2018

Rätselhaftes und faszinierendes Äthiopien

Wir wurden gewarnt von vielen anderen Reisenden: Äthiopien ist extrem anstrengend, Horden von Kindern umringen Dich pausenlos, nerven mit ihren „Yu, yu, yu“-Rufen, ihrer ständigen Bettelei und vor allem mit dem Werfen von Steinen, wenn Du an ihnen vorbei fährst. Die Straßen sind überfüllt mit Menschen, Tieren, Karren und unberechenbaren Lastern und Bussen, fordern Deine ganze Aufmerksamkeit zu jeder Zeit. Wildcamping geht gar nicht, Du musst immer in einen geschützten, aber hässlichen Hotelhinterhof oder auf einen der wenigen und überteuerten Campingareale. Mal sehen…

 

Der Süden, ein ethnologisches Freilichtmuseum

Dassanech, Hamer, Arbore, Surma, Bumi, Nyangtom, Karo, Ari, Tsamai und natürlich die Mursi mit ihren markanten Tellerlippen: sie alle und noch einige mehr bevölkern den geheimnisvollen Süden Äthiopiens. Meist sind sie nur noch ein paar Tausend Seelen, doch sie sprechen jeder für sich eine eigene Sprache, tragen unterschiedliche Frisuren und Schmucknarben, kleiden und schmücken sich jeder auf seine eigene Weise.

Diese Völker aus längst vergangenen Zeiten sind jedoch im Begriff, ihre traditionellen Werte durch eine Vielzahl von fremden Einflüssen von außen zu verlieren. Bürgerkriege, Modernisierung, und natürlich auch der ständig zunehmende Tourismus verändert das Leben dieser Menschen nachhaltig. Längst schon sind viele Riten zu reinen touristischen Shows verkommen, werden die Kinder nicht in die Schule geschickt, um vor den Touristen verkleidet zu tanzen. Und die Einkünfte von barsch geforderten Fotos während der Dorfbesuche werden hauptsächlich in Alkohol umgesetzt, so dass ein normaler Lebensrhythmus vielerorts nicht mehr möglich ist.

Wir versuchen, uns möglichst unaufdringlich diesen Menschen zu nähern, verzichten sogar auf das Fotografieren. Doch es gelingt uns nur sehr bedingt, denn wir werden meist nur als Geldquelle gesehen, die sofort angebettelt wird. Aber die wenigen, authentischen Begegnungen, die wir erleben dürfen, werden uns für immer im Gedächtnis bleiben.

Was tausende von Jahren Bestand hatte, wird nun innerhalb nur weniger Generationen unwiederbringlich vernichtet. Aber das ist der Lauf der Welt, nicht nur hier im Süden Äthiopiens…

 

Bale Mountains Nationalpark

Es ist die größte zusammenhängende afro-alpine Fläche in Afrika, die sich hier über die endlosen Weizenfelder der Umgebung erhebt. Ein Hochplateau mit karger Vegetation, nur noch hartes Gras, bodendeckende Blumen und verkrüppelte Sträucher halten dem ständig blasenden, nachts eisig kalten Wind stand. Durchschnittlich 4.000 Meter hoch ist diese weite Ebene, in deren Senken sich kleine Seen halten, die den wenigen Tieren hier oben das Überleben sichern. In der Nähe des Wassers gedeihen auffällig viele Riesenlobelien, lockern mit ihren schlanken Blättern die monotone Landschaft auf.

Als Trekkinggebiet gepriesen, bietet diese Hochgebirgsregion nicht wirklich attraktives Wandern, eintöniges Dahinmarschieren in unwirtlicher Umgebung ist sicher nicht jedermanns Sache. Da jedoch selbst der höchste Punkt des Gebirgsstockes mit dem fahrbaren Untersatz erreichbar ist, immerhin stolze 4377 Meter hoch gelegen, sind punktuelle Erkundigungen und Aufenthalte durchaus attraktiv. Und dann erfasst man auch so langsam die eindrucksvolle Szenerie, die von der Natur hier geschaffen wurde.

Diese in sich abgeschiedene Welt bietet dem äthiopischen Wolf ein geschütztes Rückzugsgebiet. Nur noch rund 200 Tiere verlieren sich in den Weiten der schroffen Steinebene, er ist damit das seltenste Raubtier der Erde. Seine markante, rote Färbung ist in der graubraunen Umgebung oft schon weithin sichtbar, und die Chancen, eines dieser seltenen Tiere zu entdecken, sind relativ groß. So haben auch wir das Glück, zweimal einen großen Einzelgänger aufzuspüren. Die Gelegenheit, die in Äthiopien endemisch vorkommenden Bergnyalas zu sehen, ist ein weiterer Grund, sich in dieser Ödnis aufzuhalten. Vor allem die mit einem mächtigen Gehörn ausgestatteten männlichen Exemplare sind stolze Tiere, die majestätisch ihre Bahnen durch das niedrige Gestrüpp ziehen.

 

Addis Abeba

Wie die Tentakel einer riesigen Krake mäandert die Metropole Äthiopiens nach Süden und Osten, schon sind die Kleinstädte in bis zu hundert Kilometern Entfernung aufgesogen von der Gefräßigkeit ungebremster Stadtentwicklung. Wie viele Millionen Menschen hier inzwischen versuchen zu überleben, keiner weiß es genau. Zehn Millionen werden es schon sein.

Die Innenstadt ist überraschend zeitgemäß. Moderne Hochbahnen chinesischer Bauart entzerren den Strom der Massen, der Bauboom treibt Stockwerk um Stockwerk in die Höhe. Die Rinnsteine sind sauber, die Citymenschen gut gekleidet und zielstrebig. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: hunderte, tausende Bettler, Bedürftige, Obdachlose lungern herum, betteln um zu überleben. Nicht lästig, aber präsent, zeigen sie deutlich die Missstände auf. Ganz am Ende der sozialen Struktur dann die Straßenkinder. Das schmutzige Gesicht tief über eine mit Klebstoff gefüllte Plastikflasche gebeugt, atmen sie die giftigen, lungenzersetzenden Dämpfe ein, um den allgegenwärtigen Hunger zu dämpfen. Sie starren vor Dreck, strecken Dir beim Ampelstopp oder im Stau die ausgemergelten Arme und Hände entgegen. Hoffnungslos, chancenlos, zum frühen Tod verurteilt. Afrikanische Schicksale…

Addis Abeba ist auch der zentrale Sitz der Afrikanischen Union und Basis vieler ausländischer Hilfsorganisationen. Doch anstatt kontinentale Entwicklung zielorientiert voranzutreiben, verheddern sie sich meist in endlosen Diskussionen, kreieren fragwürdige Projekte und sehen dabei geflissentlich über die Probleme vor der eigenen Haustüre hinweg. Das parlamentarische Leben ist ja auch viel zu bequem, um sich mit dem unsäglichen Dreck um einen herum zu beschäftigen…

 

Das Leben ist die Straße

110 Millionen Menschen. Tendenz explosionsartig ansteigend. Die Nähe ist oft beängstigend, zumindest bedrückend. Menschen überall. Die Straßen sind die Lebensader. Hier spielt es sich ab, das Alltägliche. Ganz Äthiopien scheint permanent in Bewegung zu sein. Irgendwo her, irgendwo hin. Zum Markt, zum Feld, oder einfach nur so.

Autofahren in Äthiopien ist deshalb eine echte Herausforderung. Jede Sekunde. Die Menschen drängen sich um Dich herum, achten meist nicht auf den Verkehr. Der kann mörderisch sein. Überlandbusse schießen mit Dauerfanfare durch die Reihen, Minibustaxis überholen Dich, um sofort direkt vor Dir anzuhalten, weil ein potentieller Fahrgast am Straßenrand winkt. Ausgebremst! Der Gegenverkehr überholt, bis Du das Weiße in den Augen Deines Gegenübers siehst. Oder weicht kraterähnlichen Schlaglöchern aus, auf Deiner Fahrbahn. Erbärmlich geschundene Esel, kaum sichtbar unter den Lasten und Karren, die sie zu schleppen und zu ziehen haben, blockieren stoisch dein Fortkommen, Rinder und Schafe wechseln urplötzlich die Straßenseite, der Hirte glotzt teilnahmslos, wie du eine Vollbremsung hinlegst. Dazwischen wuseln tausende von dreirädrigen Tuk-Tuks, das übliche Fortbewegungsmittel im Nahverkehr. Stoppen, wenden, überholen, immer unberechenbar. Nach drei Stunden Fahrt bist Du weich geklopft…

Die Märkte sind unbeschreiblich. Es sind Wochenmärkte, entsprechend sind sie besucht. Ein staubiger Platz, Plastikplanen für die feilgebotenen Waren. Das Gedränge ist unbeschreiblich. Die Gerüche, der Staub, der Dreck. Tiere, Menschen, Waren, alles ein unglaubliches Durcheinander. Immer auf Tuchfüllung. Mit Allem. Mit Jedem. Von weit her laufen sie, schleppen Lasten in selbstgefertigten Körben, in Säcken. Sitzen im Dutzend auf dem zweirädrigen Wagen, der Esel kapituliert vor jeder kleinen Steigung, wird gnadenlos vorwärts gepeitscht. Die Märkte sind auch der gesellschaftliche Höhepunkt der Woche, Man trifft sich, bespricht alles von Belang, schließt Geschäfte ab. Am Nachmittag dann ziehen sie wieder gen heimatlichen Hof, kilometerweit, in unendlichen Schlangen. Bis nächsten Mittwoch. Oder Samstag…

Die zerfledderten Minibusse sind Transportmittel für alles. Auch für Tiere. Schafe und Ziegen stapeln sich mit zusammengebundenen Beinen auf dem Dachgepäckträger, Hühner werden zu Dutzenden an selbigem kopfüber gebunden. Artgerechter Transport? Egal, besser als Laufen. Innen stapeln sich locker zwanzig Menschen. Samt Körben, Babys und sonstigem Kleinkram. Gemütlich…

Wasser ist eine tägliche Herausforderung. Niemand hat hier einen privaten Wasseranschluss. Schlange stehen für das wertvolle Nass ist zeitraubend. Eine der Hauptaufgaben für die Kinder. Statt Schule…

75 Millionen Äthiopier haben keine Toilette. Der Feldrand, der Flusslauf, der Straßengraben muss dafür herhalten. Meist ganz ungeniert, gehört halt zum Leben. Man gewöhnt sich daran…

Lebensader Straße – nie war diese Metapher treffender…

 

 

nette Männerrunde mit Hirten vom Volk der Dassanech
Dassanech-Hirte mit Schmucknarben
Bergdorf in den Bale Mountains
Piste zum höchsten befahrbaren Punkt in Afrika (4377 Meter)
Riesenlobelien in über 4000 Meter Höhe
ein stattlicher Äthiopischer Wolf
prächtige Bergnyalas
Wanderung in 4000 Meter Höhe
traditionelle Hütten der Dorze
die Frauen schleppen schwerste Lasten, z.B. getrocknete Kuhfladen
alle auf dem Weg zum Markt...
artgerechter Hühnertransport
kunterbuntes Treiben auf den Straßen
stundenlanges Warten auf Wasser an den wenigen Brunnen
traditionelle Verarbeitung des Getreides
alltägliches Straßenchaos

Afrika – Äthiopien / 2.Teil

01.Januar – 22. Januar 2019

Der Norden Äthiopiens – eine fremde Welt.

Altchristliche Religion, historische Felsenkirchen und archaische Traditionen. Von der Welt abgeschiedene Bergregionen, karg und trocken. Humanitäre Katastrophe auf Abruf, trotz exzessiver Bewirtschaftung. Eine Reise durch den Norden Äthiopiens mutet oft an, wie eine Reise durch längst vergangene Zeiten. Und man erkennt schnell all die zukünftigen Probleme, die diese Region fest im Griff haben…

 

Lalibela – weltberühmte Felsenkirchen

Es geschah wohl im 12. Jahrhundert, als König Lalibela nach einer Weissagung entschied, aus dem weichen Tuffgestein Monolithen herausarbeiten zu lassen, um daraus Kirchen zu gestalten und ein symbolisches Jerusalem zu erschaffen. Ähnlich wie Petra in Jordanien, entstand so ein faszinierendes Gesamtbild tief in den Felsen eingearbeiteter Kirchen und Wohnhöhlen, die durch unterirdische Gänge miteinander verbunden sind. Nirgendwo sonst in Äthiopien findet man eine solche Konzentration von Felsenkirchen, die mit ihren klaren Formen, dem Spiel von Licht und Schatten und den Labyrinthen der verborgenen Gänge ein nur schwer zu beschreibendes Erlebnis bieten.

Die einzelnen Kirchen, elf an der Zahl, hier zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Allen gemeinsam sind die Einfachheit der Linien, kaum Verzierungen oder Gemälde. So verzichten auch wir bei unseren Besuchen auf detaillierte Beschreibungen, entscheiden uns dafür, das Gesamte an sich in uns aufzunehmen. Und die Bilder für sich sprechen zu lassen…

 

Lalibela – religiöses Zentrum orthodoxer Christen

Unser Reisezeitplan erlaubt uns, Lalibela in der äthiopischen Weihnachtswoche erleben zu dürfen. Schon den Weg hinauf zu den einzigartigen Felsenkirchen teilen wir uns mit tausenden von Pilgern, die einem Bild altsemitischer Kultur gleichen. Die Bereiche rund um die Felsenkirchen füllen sich täglich mehr und mehr, überall campieren die Gläubigen auf Plastikplanen, unter Büschen und in Felsnischen. Ein nie enden wollender Zug von weiß gekleideten Menschen schiebt sich durch die Kirchen, in denen sie vor gelangweilt herumsitzenden Priestern auf die Knie fallen, den Boden und das ihnen entgegen gehaltene Kreuz küssen und dafür die bereitgestellten Spendenboxen füllen. Alle Kirchen dürfen nur barfuß betreten werden, manche Bereiche sind für Frauen tabu. Gebetsgemurmel, rhythmisches Trommeln, und schrilles Trällern schallen durch die alten Gemäuer, Touristen mit klickenden Kameras werden in der Masse wie Fremdkörper mitgeschoben.

Fünf Tage lang mischen wir uns unter das Volk, sitzen oft stundenlang unter den Menschen, um die Stimmungen aufzunehmen. Lassen uns treiben zwischen den Gerüchen von betörendem Weihrauch und ungewaschenen Körpern, kokelnden Küchenfeuern und in der Sonne aufblühenden Exkrementen. Wir stürzen uns in den völlig überfüllten Markt, werden fast zerquetscht von all den feilgebotenen Tieren und drängelnden Menschenmassen, schälen uns verstaubt und verschwitzt aus der Masse der Leiber, um im Schatten der alten Bäume nahe der Georgskirche Entspannung zu finden. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist die Nacht zum 7. Januar, ununterbrochen schwingen die unmelodischen Stimmen der Prediger über das Areal, die Menschen stehen und sitzen dicht an dicht, kein Durchkommen ist mehr möglich.

Wir sind uns schnell einig - besonders die Kombination aus archaisch anmutenden Feierlichkeiten, getragen von Menschen, die einem historischen Film entsprungen zu sein scheinen und die Einzigartigkeit architektonischer Meisterleistungen machen Lalibela zu einem unvergesslichen Erlebnis.

 

Das äthiopische Hochland

Nirgendwo sonst in Afrika findet man eine solche grandiose, von der Natur geschaffene Gebirgswelt. Das Dach Afrikas wird sie genannt, diese zerklüftete Welt der Canyons, der steilen Tafelberge, der windzerzausten Plateaus. Bis auf über 4.600 Meter hinauf bauen sich die steinigen Reste urzeitlicher Vulkane auf, graben sich einst mächtige Flüsse tief in das weiche Gestein, gestalten so jäh abfallende Schluchten.

Bizarre Felstürme und senkrechte Nadeln gestalten einen Horizont, der in der flimmernden Hitze des Tages irreal wirkt. Scheinbar unbezwingbare Monolithen ragen wie wahllos hingewürfelt aus der hügeligen Umgebung, eiskalte Nächte quälen die Menschen in ihren nur notdürftig geschützten Behausungen. Selten gewordene Tiere streifen vorsichtig durch die lebensfeindliche Region, die trotz der harten Bedingungen bis auf 3.500 Meter Höhe in von Hand angelegten Terrassen mühsam bewirtschaftet wird.

Die Lebensbedingen sind unglaublich hart, der Ertrag der Mühen reicht meist nicht aus, um die immer zahlreicher werdenden Mägen zu sättigen. Für die einzigartigen Landschaftsformen haben die Menschen hier keine Blicke, sie kämpfen täglich ums Überleben. Kriege, Dürre und immer wieder aufflammende Streitigkeiten untereinander verhindern ein friedliches Miteinander, fast jeder Mann hier draußen hat sein Schnellfeuergewehr umgehängt.

Die Lebensweise hier oben hat sich seit Jahrtausenden kaum verändert. Auch dies prägt die Einmaligkeit des Ganzen. Hier einzutauchen ist eines der ganz besonderen Erlebnisse unserer Zeit in Afrika…

 

Gondar

Die kurze Blüte der alten Kaiserstadt Gondar hinterließ ein in Afrika einzigartiges Ensemble mittelalterlicher Paläste. Den Kaisern Fasilidas, Yohannes I. und Iyasu I. gelang es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die Völker Äthiopiens einigermaßen zu einigen. Jeder dieser Herrscher ließ sich auf dem Gemp genannten Hügel inmitten der Stadt seinen eigenen Palast bauen, deren Stilelemente sich sowohl in altäthiopischen Traditionen als auch in von portugiesischen Mönchen eingebrachten europäischen Baukünsten wiederfinden. Indische Baumeister zeigten sich verantwortlich für so manche Neuerung, vor allem die Erfindung des bindenden Mörtels ermöglichte erstmals eine regenresistente Bauweise.

Der Palastbezirk ist eine Oase der Besinnlichkeit inmitten der heute hektischen Großstadt. Wir wandeln und verweilen einen ganzen Tag zwischen den alten Gemäuern und lassen uns zurückversetzen in die Blütezeit der äthiopischen Herrscher. Leider wurden einige der historischen Gebäude bei einem sinnfreien, britischen Luftangriff auf die italienischen Besatzer 1941 stark beschädigt. War ja nicht das erste Mal, dass die britische Militärführung wenig Einfühlungsvermögen für Historisches bewies…

Mit Kaiser Iyoas endeten Mitte des 18. Jahrhunderts die großen Zeiten von Gondar. Verschiedenste Fürstengeschlechter teilten die Macht im Land immer mehr unter sich auf, die Kaiser verkamen zu Marionetten. Nach und nach verfiel die einst so mächtige Stadt und versank in staubiger Bedeutungslosigkeit.

Ein weiteres, bedeutendes Zeugnis dieser herrschaftlichen Kaiserzeit ist die Kirche Debre Berhan Selassie. Sie überstand die Jahrhunderte und begeistert heute mit den wohl schönsten Wandmalereien aller Kirchen in ganz Äthiopien. Die gesamte Geschichte des Alten Testaments ist in unzähligen, detailverliebten Zeichnungen im typisch altäthiopischen Stil dargestellt. Stundenlang sitzen wir vor den prächtig dargestellten Abläufen historischer Kirchengeschichte und lauschen den Erklärungen zu den einzelnen Bildern.

Neben Genna, dem äthiopischen Weihnachten, ist Timkat, die Taufe Jesu, das zweite, bedeutende Kirchenfest in Äthiopien. Wie Lalibela gehört auch Gondar zu den Zentren dieser Feierlichkeiten, und wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, auch dieses Fest wieder buchstäblich hautnah mitzuerleben. Der Charakter dieses Festes ist jedoch ein ganz anderer als die von den archaisch anmutenden Pilgerscharen in Lalibela geschaffene Atmosphäre. Die Zeremonien rund um das historische Bad des Fasilidas gleichen mehr einer fröhlichen Party eher städtischer Menschen, die mehrheitlich fein herausgeputzt ihre Smartphones mit unzähligen Fotos füllen. Es fehlt zwar die Authentizität Lalibelas, doch die Lockerheit und die prächtigen Farben begeistern allemal. Höhepunkte sind der Einzug der kirchlichen Würdenträger am Vorabend der eigentlichen Feier, eine beeindruckende Parade im Weihrauchnebel, begleitet von Trommelwirbeln und monotonem Singsang. Schon ab drei Uhr morgens versammeln sich dann mehr und mehr Gläubige und Schaulustige um das zu diesem Anlass mit Wasser befüllte Becken, in dessen Mitte das historische Badehaus steht. Endlos ziehen sich nun die strengen Litaneien der Priesterschaft, die Geduld der Umstehenden wird auf eine harte Probe gestellt. Kurz bevor das Murren der Massen anfängt, die graubärtigen Honoratioren zu übertönen, segnen diese das Wasser im Bassin und unzählige junge Männer springen unter lautem Gejohle ins kalte Nass. Die Party erreicht so ihren Zenit und die Menge fängt langsam an, sich zu zerstreuen. Später ziehen die Kirchenmänner auf ihren faschingsumzugsähnlichen Wagen, gefolgt von tausenden Menschen, wieder zurück zu ihren Kirchen.

 

Fazit Äthiopien – Spiegelbild afrikanischer Hoffnungslosigkeit

Äthiopien könnte ein Traumland zum Reisen sein. Die Landschaften sind atemberaubend schön. Die Szenerie vieler unserer Übernachtungsplätze war  faszinierend. Die (erwachsenen) Menschen sind freundlich, zurückhaltend und begegnen dir mit Respekt. Die alten Kulturen sind fesselnd, die historischen Zeugnisse hoch interessant. Keine Roadblocks unterbrechen die Fahrt, keine behördliche Abzocke nervt, nie fühlten wir uns auch nur im Ansatz unsicher beim freien Campen.

Klingt gut. Aber es ist Reisen zwischen Begeisterung und Frust. Warum?

Ungefähr 70 Millionen Kinder und Jugendliche überschwemmen die Gesellschaft. Vor allem auf dem Land sind sie kaum mehr kontrollierbar. Die Eltern kümmern sich nicht um sie, die Schulen sind überfordert. Sie haben keine Führung, keine Erziehung, sind sich selbst überlassen. Sie haben buchstäblich nichts zu tun, sieht man mal von Viehhüten und niedrigen Arbeiten rund um die Familie ab. Sind nicht ausgelastet, wissen nicht wohin mit der überschüssigen Energie junger Leute.

In keinem anderen afrikanischen Land waren wir immer wieder mal mit derartigen, fast schon terrorisierenden Verhaltensweisen dieser Altersgruppen konfrontiert. Nie gefährlich, aber über kurz oder lang so nervend, bis du nur noch wütend bist. Fairerweise müssen wir allerdings anmerken, dass dieses Verhalten sehr regional auftritt. Und es ist ein großer Unterschied zwischen Stadt- und Landkindern festzustellen.

So wird das Reisen in Äthiopien, wie wir es bevorzugen, oft zur Zerreißprobe für die Geduld. Trotz jahrelanger Afrikaerfahrung, trotz Verständnis für die alltäglichen Gegebenheiten, irgendwann bist du weichgeklopft und deine Gedanken nehmen eigentümlich aggressive Wege, die du bisher nicht kanntest. Denn du erkennst immer mehr die Primitivität und die Hoffnungslosigkeit.

Oft gleicht das Reisen entlang Äthiopiens Hauptachsen einem nicht enden wollenden Spießrutenlauf. Die Menschenmassen entlang der Straßen sind erdrückend, lassen erahnen, wie die Zukunft des Landes aussehen wird. Jeder Meter Boden ist bewirtschaftet, selbst die Straßenränder sind beackert. Und doch reicht es oft nicht aus, all diese Menschen ausreichend zu ernähren. Vor allem in Dürrejahren, wenn die Ernteerträge minimiert sind, kommt es schnell zu einer humanitären Katastrophe.

Wir diskutieren viel mit den Menschen im Land. Doch sie alle erkennen nicht, dass es maßgeblich ihre seit Generationen ungezügelte Vermehrungssucht ist, die ihrem Land und ihrem Leben jegliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft nimmt. Kinder sind der Mittelpunkt ihres Lebens, doch sie machen sich keine Gedanken darüber, wie sie diese Heerscharen ernähren, erziehen und ausbilden wollen. So ist eine Bettelkultur entstanden, die in Afrika ihresgleichen sucht. Wenn es klemmt, dann wird unsere Welt angefleht zu helfen. Und wir schicken bereitwillig Millionen von Steuergeldern, fliegen hunderte Tonnen Lebensmittel ein, um den Bettelnden das Überleben zu sichern. Und  gewährleisten so, dass sie sich weiter unvermindert vermehren können.

Unser humanitäres Moralempfinden verpflichtet uns, Menschen in Not zu helfen. Stolz berichten wir dann von der erfolgreichen Eindämmung der Kindersterblichkeit, schaffen für mehr Menschen Zugang zu sauberem Wasser, optimieren Agrarkulturen. Unser hehres Ziel ist die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen vor Ort. Eigentlich der richtige Weg.

Aber: Dank unserer Hilfe werden die Menschen älter, überleben im Durchschnitt sieben Kinder pro Familie. Das Ergebnis unseres aktiven Eingreifens in den Kreislauf der Natur ist eine Verdoppelung der Bevölkerung von einer Generation zur nächsten. Natürlich reicht es dann wieder hinten und vorne nicht mehr zum Überleben. Und die Spirale der internationalen Unterstützung dreht sich weiter. Was für eine unsinnige Politik! Ziel also komplett verfehlt?

Immer mehr Familien beschäftigen sich inzwischen damit, einem Mitglied des Clans die Einreise nach Europa zu finanzieren, um ein besseres Leben zu haben. Noch retten wir die der gefährlichen Reise durch die Sahara Entkommenen aus der maritimen Not im Mittelmeer, doch es werden immer mehr, die versuchen werden zu kommen. Und dann?

Wann begreift es unsere Welt endlich, dass letztlich ausschließlich eine die althergebrachten Traditionen überwindende Familienplanungspolitik die einzige Chance für die Menschen hier sein wird – und letztlich auch für uns…

Ach ja, uns hat Äthiopien trotz allem gut gefallen…

 

 

die Bete Medhane Alem Kirche
Zugang zur Bete Medhane Alem Kirche
die Gläubigen empfangen den Segen
Bete Gyorgis Kirche mit vielen Pilgern
Pilgerscharen in und um die Bete Gyorgis
die Pilger lagern überall in der Stadt
Impressionen von den Felsenkirchen in Lalibela
Zugang zum Grab des Adam
unbeschreibliches Gedränge auf dem weihnachtlichen Wochenmarkt
singende Pilger in Lalibela
Pilger im Gebet
Mönche an der Georgskirche in Lalibela
Pilger in Lalibela
Pilger in Lalibela
Pilger auf der Heimreise
wunderbare Bergwelt im äthiopischen Hochland
Blick aus dem Hochland hinunter in die Danakil-Ebene
typische Dörfer mit Terrassenfeldern im Hochland
Wohnzimmer im Steinhaus einer Tigray-Familie
spektakulärer Blick in die Simien Mountains
Canyon in den Simien Mountains
Palastbezirk Gemp in Gondar
historisches Archiv im Palastbezirk
Palast des Fasilidas
wunderschöne Wandmalereien in der Debre Berhan Selassie Kirche
Darstellung der biblischen Geschichte
Timkat Fest - Aufstellung der Würdenträger
heilige Wasserweihe im Bad des Fasilidas
traditionelles Bad der Menge im geweihten Wasser
alter Veteran beim Timkat-Fest in Gondar

Afrika – Sudan

23. Januar – 15. Februar 2019

Gastfreundlicher Sudan

Als wir in den Sudan einreisten, konnten wir uns nicht wirklich vorstellen, in diesem kargen und heruntergewirtschafteten Wüstenstaat fast vier Wochen zu verbringen. Noch dazu unter der täglichen Gefahr, in die gewalttätigen Demonstrationen hineingezogen zu werden, die in den letzten Wochen viele Todesopfer zu beklagen hatten. Doch die Gastfreundschaft vieler Sudanis ließ uns viel länger verweilen als angedacht…

Jalal

„Hi, you are really from Germany?“ Der schmächtige, schon leicht graumelierte Lockenkopf begrüßt uns mit einem offenen Lachen. Er erweist sich schnell als Glücksfall für uns. Er verschafft uns Zugang zu einer sudanesischen Welt, die wir sonst nie kennen gelernt hätten. Seine Gastfreundschaft ist grenzenlos. Geboren im Sudan als Sohn saudischer Eltern, aufgewachsen in Medina in Saudi-Arabien, Architekturstudium in der Türkei. Dort lernt er Kerstin kennen, Lehrerin aus Deutschland. Nach einer kurzen Liaison trennen sich ihre Wege wieder. Jahre später eröffnet sie ihm, er hätte einen Sohn mit ihr. Er fliegt nach Deutschland, sie heiraten, doch es zieht ihn zurück in den Sudan.

Seit einigen Jahren hat er sich hierher zurückgezogen. „Ich möchte nicht in Deutschland leben, auch wenn ich dies ganz offiziell könnte. Doch dort bin ich ein Niemand, kann höchstens als Gärtner arbeiten. Und aufgrund meines Aussehens werde ich sofort als Flüchtling eingestuft, der dem deutschen Staat auf der Tasche liegt.“

Seine ruhige, intelligente Art ist sofort sympathisch. Mit leiser Stimme erzählt er über die schwierige Situation im Sudan, erklärt viel über die Hintergründe. Wir sitzen in einem großen Kreis seiner weitläufigen Verwandtschaft. Das ganze Wohnviertel gehörte einst seinem Großvater, heute stehen hier einige mehrstöckige Mietshäuser, die der Familie eine gute Existenz bieten. Direkt am vorbeifließenden Nil besitzen sie zusätzlich Felder und betreiben Ziegeleien. Die Atmosphäre ist locker entspannt, man palavert über das Tagesgeschehen, die schlechte Wirtschaftslage und natürlich über Politik.

Jalal ist mutig, er macht den Mund auf. Er erlaubt auch vielen Flüchtlingsfamilien rund um sein Haus in ihren Verschlägen zu leben, unterstützt sie mit Gelegenheitsarbeiten, die er ihnen vermittelt und steckt so manchem Geld für Lebensmittel zu. Mit viel Respekt verabschieden wir uns nach einer Woche von ihm. Mit ihm haben wir einen ganz besonderen Menschen kennen gelernt…

 

Die Pyramiden von Meroe

Weithin sichtbar thronen sie auf einem goldgelben Dünenkamm, in ihrer wuchtigen Präsenz erinnern sie an längst vergangene Epochen. Der schneidende Wind treibt scharfkantige Sandkörner millionenfach vor sich her, die Sonne schafft es kaum, die dunstige Schicht zu durchdringen. Wie mit einem Weichzeichner veredelt scheinen die tonnenschweren Steinquader auf den elegant geschwungenen Dünen zu schweben, verbreiten so eine mystische Stimmung.

Als die Nubier im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von den Assyrern aus dem von ihnen eroberten Ägypten endgültig zurück nilaufwärts vertrieben wurden, verlegten sie ihre Hauptstadt hierher in die weite Einsamkeit der Wüste. Nahe der eigentlichen Wohnstadt entstanden im Lauf der folgenden Jahrzehnte die Pyramiden, die den verstorbenen Herrschern als Grabkammern dienten.

Heute markieren sie die wohl eindrucksvollsten, historischen Zeugnisse vorchristlicher Zivilisation inmitten der nubischen Wüste, unweit des träge dahinfließenden, lebensspendenden Nil. Lange sitzen wir auf der den steinernen Quadern gegenüberliegenden Düne und versetzen uns in die Blütezeit dieser vom Lauf der Geschichte aufgesogenen Kultur.

 

Mohamed

Freundlich lächelnd steht der promovierte Apotheker im weißen Kittel hinter seiner Ladentheke. Mit ruhigen Gesten bedient er seine Kundschaft, lässt Kompetenz und Souveränität spüren. „Seit zwei Jahren leite ich diese Apotheke, sieben Tage die Woche. Freizeit? Kaum.“ Der fünfunddreißigjährige, gut aussehende Mann wirkt plötzlich ernst, als wir ihn nach seinen Familienverhältnissen fragen und antwortet in tadellosem Englisch: „Ich bin ledig, eine Frau hier in meinem Umfeld zu finden, ist nahezu unmöglich. Stammen sie aus besseren Verhältnissen und haben eine gute Schulbildung, dann interessieren sie sich nur für Fernsehen und What`s App, hegen hohe Ansprüche, liegen faul herum und lassen sich bedienen. Eine Frau aus dem Dorf dagegen ist zwar fleißig, aber intellektuell auf Dauer nicht die Richtige.“ Liebend gerne würde er sich verändern, seine Chance suchen in einem anderen Land. „ Im Sudan komme ich nicht weiter, mein Bruder ist als Ingenieur im Oman tätig, dort auch verheiratet. Ich könnte mir auch gut vorstellen, nach Deutschland zu gehen, meine Ausbildung ließe sich auf dortiges Niveau heben und ich bin offen für Integration in eine neue Umgebung.“

Menschen wie er würden es zweifellos schaffen, auch in Deutschland ihren wertvollen Beitrag in der Gesellschaft zu leisten. Wenn sie die Chance dazu erhalten. Wünschen wir ihm das Beste…

 

Fazit Sudan

Der Sudan lebt von und mit der Herzlichkeit seiner Menschen. Unabhängig von Stand und Möglichkeiten wird der Gast aufgenommen in den Kreis der Familie, wird bewirtet und beschenkt. So erleben wir den Sudan intensiv von seiner menschlichen Seite.

Der Rest ist eigentlich ziemlich belanglos. Arm an landschaftlichen Reizen vermögen die wenigen historischen Reste untergegangener Kulturen einen Besuch kaum zu rechtfertigen. Und es ist sicher eines der schmutzigsten Länder, die wir je besucht haben. Die Menschen leben mit stoischem Gleichmut auf, mit und zwischen Müllbergen, ohne sich daran zu stören. Unfassbar.

Die landwirtschaftliche Lebensader ist der Nil, so wie schon seit Jahrtausenden. Seine alljährlich wiederkommenden Fluten schwemmen den fruchtbaren Schlamm an, setzen riesige Regionen beidseitig der Ufer unter Wasser und schaffen so die Grundvoraussetzungen für eine gute Ernte.

Der Sudan leidet seit drei Jahrzehnten unter der Militärdiktatur von Al Bashir. Gemessen an den Staatseinnahmen verbraucht das Regime die höchsten Militärausgaben weltweit, um grausame Bürgerkriege im Südsudan und im westlichen Dhafur zu finanzieren. Millionen Menschen sind auf der Flucht, vegetieren unter erbärmlichen Umständen am Rande der Gesellschaft, weitgehend abhängig von den Hilfslieferungen der Weltgemeinschaft. Dazu versuchen die Amerikaner, nachdem sie den Sudan zur „Achse des Bösen“ addierten, mit harten Wirtschaftssanktionen die Machthaber zu stürzen, treffen dabei jedoch lediglich die leidende Bevölkerung und machen so schlechte Stimmung gegen sich selbst.

Immer wieder versammeln sich Mutige, um für die politische Veränderung zu demonstrieren. Doch sie werden rücksichtslos zusammengeschossen oder eingesperrt. Noch sind es zu Wenige, um das Regime zu bedrängen, doch es brodelt gewaltig. Die Menschen diskutieren inzwischen ganz offen, schimpfen und prangern an. Die Lunte zu einem neuerlichen Krisenherd ist schon lange gelegt...

 

 

Bedford-Laster, seit Jahrzehnten das unverwüstliche Transportmittel im Sudan
Jalal, unser grandioser Gastgeber in Khartoum
es wird für uns aufgekocht!
überall einfache Flüchtlingsbehausungen im Viertel
die Flüchtlinge wohnen zum Teil unter freiem Himmel
...ein hartes Los für die Menschen
Conny im traditionellen sudanesischen Outfit
die Pyramiden von Meroe
faszinierende Reste einer untergegangenen Kultur
alles was noch fährt, wird benutzt
unendlich viele Ziegeleien entlang des Blauen Nil
harte Arbeit für kleines Geld in den Ziegeleien
Ort auf dem Weg zur Küste
typische Siedlung am Straßenrand
Ruinen im alten Stadtteil von Swakin

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